Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1899-01-01 · Heft 1 (Januar 1899) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 1 (Januar 1899)
Article
Antisemitismus und Medizin
Date
1899-01-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316650-2316652-2323498--04841-2323573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Antisemitismus und Mediz n. 8 bliä auf die umfassenden Vorsichtsmaßregeln, die unverweilt getroffen worden waren, hätte der Tagespresse die Pflicht obgelegen, beruhigend auf das leicht erregbare Publikum zu wirken. Der größte Theil der Presse war sich dieser Pflicht bewußt. Wie aber verhielt sich die antisemitische Presse? Die eine Thatsache, daß Prof. Nothnagel, der mit der ganzen Angelegenheit nur insofern in Verbindung stand, als in seiner Klinik alles Erdenkliche geschah, um die dem Tode Geweihten zu retten und eine Verbreitung der Infektion zu verhüten, die eine Thatsache, wiederhole ich, daß Prof. Nothnagel seit Jahren in hervorragender Weise freimüthig gegen die antisemitische Bewegung Stellung genommen hatte, genügte, um jene bedauerlichen Vorkommnisse zum Anlaß einer maßlosen Hetze gegen die jüdischen Aerzte zu machen, gegen die jüdischen Aerzte, hie in erster Linie ebenfalls in keiner Weise zu den Geschehnissen in Beziehung standen, und in zweiter Linie höchstens insofern, als ein jüdischer Arzt, Dr. Mayer, sich in selbstloser Erfüllung seiner Berufspflicht an der gefahrvollen Untersuchung der Pestverdächtigen betheiligte. Trotz her Behauptung des antisemitischen „Deutschen Volksblattes", die nur die niedrige Gesinnung dieses Organes charakterisiert, daß sich Dr. Mayer nur aus Neklamesucht zu einer Zeit zum Dienste genieldet habe, wo jede Gefahr bereits vorüber war, wurde btefem pflichtgetreuen Arzte bekanntlich vom Kaiser von Oesterreich eine Auszeichnung verliehen, und selbst der antisemitisch gesinnte Gemeinderath von Wien mußte in den sauren Apfel beißen, ihm offiziell eine Anerkennung auszusprechen. Doch dieses nur nebenbei. Worauf cs mir ankommt, ist, zu zeigen, wie die antisemitischen Hetzer es treiben, wie sie bei allen Gelegenheiten, auch solchen, niit denen die Juden nicht das Geringste zu thun haben, die Schuld und die Verantwortung auf die Schultern der Juden wälzen und die breite Masse gegen diese aufzuhetzrn suchen. Eme kleine Blüthenlese aus der antisemitischen Literatur jener Tage liefert Belege, die an sich so charakteristisch sind, daß sie keines weiteren Zusatzes bedürfen. Sie mögen als wenig erfreulicher Beitrag zur Kulturgeschichte des zur Neige gehenden lS. Jahrhunderts hier Wiedergabe finden. Am 20. Oktober bi I. schrieb das Wiener „Deutsche Volksblatt", indem es sich zunächst gegen die medizinische Forschung im allgemeinen wandte: „Der durch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.