Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1898)
- Article
- Zürich
- Date
- 1898-12-01
- Page
- 656 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Im deutschen Reich. O Zürich, 10. November. Der vor kurzem erschienene „Bericht über die Ethische Bewegung, im Aufträge des Ethischen Bundes herausgegeben von Dr. Fr. W. Förster, Nr. 4", Zürich, Oktober 1898, enthält Seite 13 ff. einen Bericht über den „Moralunterricht", wie er von Herrn Dr. Förster in Zürich ertheilt wird und in ähnlicher Weise anderwärts wenigstens versucht worden ist. Von den für den Pädagogen in mannigfacher Hinsicht interesianten Mittheilungen wird die Leser dieser Zeitschrift am meisten interessieren, welche Behandlung die Judenfrage in diesem Unterricht findet. Wir können nur damit übereinstimmen, daß der Lehrer der Erörterung der Judenfrage nicht aus dem Wege geht. Auf die „Judenfrage" stoßen — leider — die Kinder schon frühzeitig; sie hören in Gesprächen der Erwachsenen, in zufällig erlauschten Aeußerungen, in den üblich gewordenen Schimpfereien so viel von Juden, Semiten und Antisemiten, daß eine pädagogische Gegenwirkung wohl angebracht und für die allgemeinen Zwecke des Moralunterrichts nur förderlich ist. Denn wie sollen Kinder für den höchsten und letzten Gedanken jedes Moralunterrichts, die Pflicht der alle Menschen umfassenden Nächstenliebe, erzogen werden, wenn sie nicht schon in der Jugend davor bewahrt werden, Andersgläubige oder Andersgeartete wegen des Andersseins abschätzig zu beurtheilen? Kinder sind ja am meisten dazu geneigt, jede andere Form als die, an die sie gewöhnt sind, lächerlich und unberechtigt zu finden, so daß schon frühzeitig die Warnung an: Platz ist. Fremdes nicht ungeprüft für minderwerthig zu halten. — Auch darin ist dem Verfasser beizustimmen, daß es nicht einfach genügt, das Gebot der Achtung aufzustellen „weil der Jude ein Mensch ist wie Du". Die Kinder sollen interessiert werden für die Geschichte der Juden, besonders für die Geschichte der Juden nach Christus. Wer die Märtyrergeschichte Israels in der Zerstreuung kennen gelernt hat, das Aufleuchten seines Geistes im maurischen Spanien einerseits, die gewaltsame Beschränkung auf die moralisch gefährlichsten Gewerbe andrerseits, wem es erzählt worden ist, wie die Juden im Mittelalter, rechtlos und wehrlos, ein bequemes Ziel für Beschimpfungen und Demüthigungen, für Erpressungen und Ausplünderungen waren, der wird gewiß für das, was er für speziell jüdische Fehler und Laster ansieht, den allein richtigen Standpunkt der Beurtheilung finden. Für die meisten Fälle dürfte es zutreffen, was den Kindern im Unterricht gesagt wurde, „daß die Leute, die über die Juden geschimpft hätten, leider nicht genug gelernt hätten"; und wenn es auch gewiß ist, daß die Fanatiker des Antisemitismus durch niemand und durch nichts sich