Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-10-01
- Page
- 506 (sequence 1)
- Language
- German
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Umschau. «ichtS ist eines großen Volkes unwürdiger als die Sucht, bei plötzlich hervortretenden schweren Schäden sofort für diese eine Minderheit der Bevölkerung verantwortlich zu machen, statt die Ursache des Nebels dort zu suchen, wo sie in Wirklichkeit zu finden ist. Daß von vielen noch bei allen traurigen Zwischenfällen der Unmuth auf daran völlig unschuldige Menschen abgelenkt und zumeist der Jude zum „Prügeljungen" gut genug befunden wird, beweist, daß auch in großen Kulturstaaten die trüben, mittelalterlichen Anschauungen und Gewohnheiten noch keineswegs vollständig überwunden sind. Bei gefährlichen Erkrankungen wird sich jeder vernünftige Mensch gewiß davor hüten, sich gewissenlosen, gewinnsüchtigen Quacksalbern anzuvertrauen, von denen unmöglich eine richtige Behandlung zu erwarten ist; aber bei schweren Uebeln des Volkslebens ist man minder sorgsam; da läßt man den antisemitisch-politischen Pfuschern freies Spiel, und während die Uebel sich verschlimmern, blüht der Weizen der berufsmäßigen Hetzer. Deshalb brauchten diese selbst davor nicht zurückzuschrecken, für die entsetzliche Frevelthat des italienischen Anarchisten Luccheni „die Juden" verantwortlich zu machen, indem sie ohne weiteres behaupteten, daß die Sozialdemokratie von den Juden geleitet werde, von welcher der Anarchismus doch nur eine Spielart sei. Wer unparteiische Schilderungen der Plünderungen in Prag, in Galizien und anderen Orten kennen gelernt hat, oder wer die Vorgänge in Frankreich unbefangen beobachtet, der wird kaum im Zweifel darüber sein, welche entsittlichende Wirkung die von den Antisemiten seit Jahrzehnten beharrlich fortgesetzte Hetze gegen alle Besitzenden und insbesondere die giftigen Verleumdungen aller hochstehenden Persönlichkeiten, welche sich dem Judenhasse verschließen, auf weite Volksschichten ausgeübt haben. Bekanntlich haben dieselben Antisemiten, welche nach der Ermordung der Kaiserin von Oesterreich dieses schaurige Ereigniß zum Ausgangspunkt neuer Angriffe gegen das Judenthum zu machen versuchten, bei Lebzeiten der hohen Frau dieser stets bitter gegrollt, weil die Kaiserin Elisabeth niemals ihre Abneigung gegen die Schürer des Religions- und Rassenhasses verhehlte, dem von ihnen arg verketzerten Dichter Heinrich Heine das ihm anderwärts mißgönnte Denkmal errichtet, seinen Werken eine schwärmerische Verehrung gewidmet und sich sogar eifrig mit den