Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 454 (sequence 9)
- Language
- German
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454 )m deutschen Reich. „Die öffentliche Meinung ist diktiert von Vorurtheil und Haß, die Gunst hat nur derjenige, welcher der augenblicklichen Empfindung der Waffen schmeichelt." So äußert sich ein deutsches Blatt, die „Neue Bayr. Landeszeitung" Memmingers, nicht etwa über Wiener Verhältniffe, sondern über die Zustände in Frankreich, welche jetzt selbst den antisemitischen Organen, die bisher ihre Weisheit aus Drumont's „Libre parole" schöpften, äußerst bedenklich erscheinen. Das genannte Blatt sagt über die Stimmung der Massen in Frankreich: „Diese ist ebenso deutschfeindlich . wie judenfeindlich, man schlägt auf die Dreyfüsler und meint auch die Deutschen. Der Kampfruf in den Blättern der Gasse lautet nicht blos: Nieder mit dm Juden, sondern auch: Nieder mit den Protestanten! . . . Die Deutschen dürfen sich also durch ihre antisemitischen Sympathien nicht irre führen lassen. Die Franzosen find die alten geblieben, sie hassen in den Juden zugleich die Deutschen." Immerhin ist diese von richtiger Erkenntniß der Sachlage zeugende Aeußerung nur die einer vereinzelten Stimme aus dem antisemitischen Lager. Die agrarische „Dtsche. Tgztg." und mit ihr mehrere Organe, die einen pikanten Stich ins Antisemitische haben, bleiben gegenüber den Vorgängen in Frankreich, die sich an den Namen „Dreyfus" knüpfen, und die jetzt durch die bekannte dramatische Wendung fast die ganze Welt in Erregung versetzen, völlig kalt, ja noch mehr, zwischen den Zeilen liegt eine nicht zu verkennende Mißstimmung. Ein Theil der antisemitischen Blätter druckt die nachstehende unverkennbar ärgerliche Aeußerung der „Deutschen Tageszeitung" nach: „Die neueste Entwicklung des Falles Dreyfus, die in der jüdischen Presse Freudenpurzelbäume bewirkt, läßt uns vollkommen kühl. Wir haben von Anfang an uns dahin geäußert, daß wir nicht wissen können, ob und inwieweit Dreyfus schuldig oder unschuldig sei. Weil wir das nicht beurtheilen konnten und können, weil ferner Deutschland mit der Sache durchaus nichts zu thun hat, haben wir uns in der Regel darauf beschränkt, das Wesentliche und Thatsächliche über den Fall mitzutheilen, der allgemach zu einer geradezu entsetzlichen Seeschlange ausgewachsen ist. Diesen Grundsatz werden wir auch künftighin befolgen. Die Fälschung Henry's beweist selbstverständlich noch nicht die Unschuld des Hauptmanns Dreyfus, aber sie beseitigt einen der stärksten Beweise seiner Schuld. Dieser veränderten Entwicklung wird man in Frankreich sicher Rechnung tragen. Uns geht die Sache aber nicht das mindestes n." Spöttisch bemerkt hierzu die „Breslauer Zeitung": „Selbstverständlich nicht; denn hier ist, um im Jargon der „Dtsch. Tgztg."