Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 8 (August 1898)
- Article
- Die Lage in Oesterreich
- Date
- 1898-08-01
- Page
- 385 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316645-2322706--04240-2322811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Lage in Oesterreich. ^Uls ich vor zwei Jahren in diesen Blättern (1896 Heft 7 und 8) über die Lage in Oesterreich berichtete, ahnte ich nicht, wie sehr ich zum Propheten werden sollte. Vieles von dem, was ich damals prophezeite, ist eingetroffen, und manches hat sich noch ärger gestaltet, als ich befürchtet hatte. Badeni ist gegangen, Gautsch ist ihm gefolgt und wir sind nun mit dem dritten klerikalen Ministerium beglückt. Negiert wird unter dem Ministerium Thun höchst verfassungsmäßig nach Paragraph 14, der die merkwürdige Fähigkeit hat, alle anderen Paragraphen zu verschlingen und dann für sich allein unumschränkt zu regieren» Die Industrie geht zurück, der Zollkrieg mit Ungarn droht, ja das ganze dualistische Vertragöverhältniß ist in Frage gestellt, die Deutschen hält man mit endlosen und zwecklosen Verhandlungen über die böhmische Sprachenfrage hin, und das Volk beschäftigt man mit Fest- und Huldigungszügen — wir sind ja im „Jubiläumsjahr"! — Punem ot oircoiusos gaben die altrömischen Machthaber, die modernen Römlinge speisen das Volk mit Spielen und Spielereien ab, wobei wohl für die Arrangeure mancher Orden abfallen wird, das Brod aber und viele andere nothweudige Dinge werden dabei immer theurer, und die bereits eingeführten neuen Steuern sowie die angekündigten Steuererhöhungen tragen auch nicht dazu bei, das Leben billiger zu machen; manche von ihnen haben nur den Zweck, die Last von den Grundbesitzem auf die andern Volksklassen abzuschieben. So sieht es bei uns überall traurig und düster aus. Als Gott bte- Egypter mit der dreitägigen Finsterniß plagte, da war „bei allen Kindern Israels Licht in ihren Wohnsitzen", jetzt ist es bei uns Juden noch finsterer und trauriger als anderswo in Oesterreich, und nur die Mordbrennereien der grlizischen Bauern haben das Dunkel etwas erhellt. Und was man bei dieser Beleuchtung an Judenhaß, klerikaler Hetze und Korruption erblickte, war schauderhast. Aus den Tagesblättern konnte man erfahren, wie lau sich mit wenigen Ausnahmen die Zivilbehörden