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Im deutschen Reich · 1898-05-01 · Heft 5 (Mai 1898) · p. 255

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 5 (Mai 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-05-01
Page
255 (sequence 1)
Language
German
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255 ®nb wieder schwankt die ernste Waage; der alte Kampf belebt sich neu; jetzt kommen erst di« rechten Tag«, wo Korn sich sondern wird von Spreu", dieser Ausspruch Uhland'S drückt so recht di« Stimmung aus, mit welcher das Herannahen der Reichstags» wählen Tausende erfüllt. Von den Bürgern jüdischen Glaubens dürften jetzt besonders desselben Dichters Worte gelten: „Wir aber wünschen nicht vermessen; wir wünschen, was man wünschen muß. Soll sich der Mensch zum Geist erheben, so ist ihm seine Freiheit noth!" WaS wir jetzt mehr als je wünschen müssen, ist volle Bürgschaft gegen Entrechtung, gegen Entziehung oder Umgehung der uns verfassungsmäßig zugesicherten Gleichberechtigung. Diese Sicherheit hängt aber wesentlich mit davon ab, daß in der deutschen Volksvertretung nicht noch mehr Männer Platz finden, welche einen Bestandtheil dieses Volkes wegen seiner Religion oder seiner Abstammung zu Heloten herabwürdigen möchten. Angesichts der am 16. Juni stattfindenden Reichstagswahlen sollte diese Gefahr ernstlich in's Auge gefaßt werden. Grundfalsch wäre es, Vogel-Strauß-Politik zu treiben, nachdem von antisemitischer Seite kundgegeben worden ist, daß diese Partei in mehr als 25 Wahlkreisen „mit Aussicht auf Erfolg" an dem Wahlkampf theilnehme. Im Jahre 1893 stand die antisemitische Partei mit 263 861 Stimmen erst an siebenter Stelle der Parteien; daß aber immerhin damals schon eine Viertel-Million Deutscher bewogen werden konnte, den Judenhaß als ihre oberste politische lieber« zeugung zu proklamieren, war gewiß eine tief betrübende Erscheinung und, sollte als Mahnung dienen nicht nur für die deutschen Juden, sondern für das ganze deutsche Volk. Seit jener Zeit ist die antisemitische Organisation noch wesentlich vervollkommnet worden. Zur Zeit bestehen in Deutschland mehr als 140 Vereine der deutsch-sozialen Reformpartei, die außerdem durch die Vereinigung deutscher Geschäftsreisenden, den deutsch-nationalen Handlungsgehilfen-Verband, den Wartburgbund deutscher Jugendbrüder und den deutsch-nationalen Radfahrerverband zahlreiche Verbündete gewonnen hat, die ihre Organisation ergänzen. Daß eine so verzweigte Organisation einen mächtigen Einfluß auf die Wahlen ausüben kann, läßt sich nicht bezweifeln. Andererseits erweckt sie aber auch bei den anderen politischen Parteien berechtigtes Mißtrauen; außerdem ist es beachtenswerth, daß trotz dieser Organisation

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