Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 4 (April 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 Im deutschen Reich. des Antisemitismus geschaffen haben", denn gerade diesen Organisationen ist vom Central-Verein bisher der möglichste Vorschub geleistet worden. Wenn aber der Verfasser jener Notiz angesichts der in weiten Kreisen überhandnehmenden agrarisch - antisemitischen Richtung die deutschen Juden vor Optimismus warnt, müssen wir ihm unbedingt beipflichten. Das antisemitische Gift hat im Laufe der letzten zwei Dezennien so ätzend gewirkt, so tief sich eingefressen, daß selbst dort, wo jetzt die judenfeindliche Bewegung anscheinend zum Stillstand gekommen ist, unliebsame Ueberraschungen nicht ausgeschlossen sind. Mehr als je ist es deshalb Pflicht jedes deutschen Juden, der Wahlagitation in feinem Kreise volle Aufmerksamkeit zu schenken und diejenigen zu unterstützen, welche den antisemitischen Wühlern entgegentreten. Mehr als je ist davor zu warnen, die Wirkung zu unterschätzen, welche die für gebildete Hörer lächerlichen Brandreden und „Judenflinten"-Märchen eines Ahlwardt und die Ritualmord-Geschichten eines Sedlatzek auf ungebildete Zuhörer auszuüben vermögen, die sich nur zu leicht von dem Biedermeierton des Einen fangen und durch den glühenden Fanatismus des Andern blenden und erhitzen lassen. Auf die. Masse der Wähler im Kreise Friedeberg-Arnswalde wird es kaum einen sonderlichen Eindruck machen, wenn dortige Konservative, welche einst dem „Rektor aller Deutschen" zu dem Mandat verhalfen, sich jetzt gegen ihn wenden. Das „Arnswalder Kreisblatt" schrieb kürzlich: „Ist denn wirklich daran zu denken, daß Friedeberg-Arnswalde für seinen bisherigen Vertreter im Reichstage, den von den Gerichten, von, seinen antisemitischen Parteigenossen gerichteten und allgemein nicht für ernst genommenen Mann, auch nur eine Stimme wieder giebt? Wir halten es für ausgeschlossen,, daß die V e r b l e n d u n g so weit gehen kann." Wenn diese Zuversicht dennoch täuschen sollte, dürften gerade diejenigen die Schuld tragen, welche den Radau-Antisemiten durch einen sogenannten „gemäßigten" Antisemiten zu verdrängen gedenken. Den Teufel treibt man nicht durch Beelzebub aus. Die Geduld und. Heiterkeit, mit welcher die Konservativen in der am 30. März stattgehabten Reichstagssitzung die erneuten Flunkereien Ahlrvardt's über die angebliche Einschmelzung Loewe'scher Gewehre anhörten, war gegenüber der Gelassenheit, mit welcher Generalmajor v. d. Boeck dieser hartnäckig wiederholten Verleumdung der Heeresverwaltung entgegentrat, sehr wenig geeignet, Herrn Ahlwardt die Lust an solchen Streichen zu verleiden oder die Glaubwürdigkeit seiner Behauptungen in weiten Kreisen gründlich zu.