Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 4 (April 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 205 (sequence 1)
- Language
- German
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205 U«rscha«. Sie ReichStagSwahlen stehen nahe bevor; die Nähe einer so wichtigen Entscheidung ist für die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens von um so größerer Tragweite, als ihre erbittertsten Gegner sich allerwärtS mit größtem Eifer für den Entscheidungskampf rüsten. Diese Thatsache entgeht den deutschen Juden keineswegs, und nichts berechtigt zu der Annahme, daß sie sich deshalb apathisch verhalten, weil der Radau-AntisemitismuS nachgelassen hat. Richtig ist, daß ihre Betheiligung an dem sich entspinnenden heißen politischen Kampfe sich nicht sehr auffällig gestaltet, weil sie nicht in kompakter Masse, nicht als Juden, sondern als Deutsche Antheil nehmen und sich beliebig dorthin stellen, wohin sie ihre politische Ueberzeugung führt. In einem Punkte, aber nur in diesem, soll und wird der Wahlkampf die deutschen Juden auch im politischen Leben einig finden, das ist in der entschlossenen Bekämpfung antisemitischerKand i d a t e n — sonst aber verpflichtet sie ihre Religion in keiner Weise zu einer bestimmten politischen Partei. Es giebt zum Zweck der Abwehr einen „Central-Verein", aber kein „jüdisches Centrum", und am wenigsten wollen die Juden das Anhängsel einer einzelnen politischen Fraktion sein. S o denkt die Mehrheit der deutschen Juden, und der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens dankt seine mächtige Anziehungskraft gerade seinem politischen unparteiischen Standpunkt, nicht aber der angeblich von ihm entwickelten „starken Agitation". Wenn in einem jüdischen BlaU behauptet wird, daß „er so viel von der ohnehin geringen Begeisterung und Opferfreudigkeit der deutschen Juden an sich ziehe, daß er für die übrigen Organisationen nichts übrig läßt", so hat der Verfaffer jener Notiz eine zu geringe Meinung von der Opferfreudigkeit der deutschen Juden und eine zu hohe von den Ansprüchen, die der Verein stellt. Die außerordentlich niedrig bemeffenen Jahresbeiträge für den Central-Verein werden kein einziges Vereinsmitglieb veranlaffen, einer ihm sympathischen und nützlich erscheinenden anderen Organisation den früher geleisteten Beistand zu entziehen. Am wenigsten kann die Zugehörigkeit zum Central- Verein Jemand dazu veranlassen, „diejenigen Organisationen im Stiche zu lassen, welche die deutschen Juden seiner Zeit zur Bekämpfung