Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 4 (April 1898)
- Article
- Ehrenpflichten
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 190 (sequence 16)
- Language
- German
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ISN) Im deutschen Reich. wird sich also, sobald er zu denken beginnt, sagen müssen: „Mein Vater hat seinen Glauben von mir genommen um äußerer Vortheile willen, er hat das, was in sittlicher Beziehung am höchsten stehen sollte, mich fortwerfen,. lassen, damit ich sogenannte äußere Ehren erringen kann." Und das Kind, das zu diesem Bewußtsein gekommen ist, wird nur mit Scham an seine Eltern denken können, und das Schönste wird ihm geraubt sein: die Pietät gegen die eigenen Eltern. So sehr wir nun der Meinung sind, daß wir durch alle vorhandenen Mißstände uns nimmermehr die Lust werden rauben lassen an unserm von uns geliebten Vaterlande, so sehr wir es mißbilligen, wenn ein Kind seines Vaterlandes sich schmollend zurückziehen will, wie Coriolan, weil das Vaterland es schlecht behandelt hat, so sehrglauben wir, daß Unrecht leiden nicht das Schlimmste ist auf dieser Welt, so sehr glauben wir doch auch, daß, wer Manneswürde besitzt und Anspruch daraus erhebt, seine Ehre von anderen anerkannt zu sehen, die Pflicht hat, alle Ehrenpflichten zu erfüllen, vor allen Dingen die: bei ungerechten Angriffen sich zu wehren. Unser Kaiser hat das Wort gebraucht: „Wer nur auf Gott vertraut und feste um sich haut, hat nicht auf Sand gebaut," und.ein Sprichwort, welches — und das ist kein Zufall — in alle bekannten Sprachen übergegangen ist, lautet: ,Lilf dir selbst, und- Gott wird dir helfen!" In diesen Worten verkörpert sich der Inbegriff unserer Bestrebungen: ungerecht ist der Kampf, der unsaufgezwungen, gerecht und nothwendig die Abwehr! Wir sind die Angegriffenen, wir müssen uns vertheidigen, — wir, das heißt: die Gesammtheit aller Juden, da die Gesammtheit dem Angriffe ausgesetzt ist. Deshalb müssen wir ein Centralverein sein, ein Verein, dem möglichst alle angehören. Und es giebt auch keinen Grund, der einen deutschen Juden hindern könnte, zu uns zu treten. Für uns giebt es keine Scheidung zwischen orthodoxer uud liberaler Richtung, denn alle Juden sind angegriffen, alle müssen sich vertheidigen, alle sollen bei uns finden, was uns eint, und vergessen, was uns trennt. Deshalb kennt der Verein auch keinerlei Scheidung nach der politischen Parteistellung, da jeder deutsche Jude unser Mann ift, der das Empfinden für seine und seiner Glaubensgenossen Ehre mitbringt. Und wenn wir bedenken, daß wir ca. 8500 E i n z e l Mitglieder