Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 3 (März 1898)
- Article
- Heinrich Heine's Lieder und Gedichte [Rezension]
- Date
- 1898-03-01
- Page
- 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316641-2322094--03826-2322192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 Im deutschen Reich. zündet sich an dem Feuer seines Geistes. Bei fremden Völkern zeigt sich das nicht anders als bei uns. Von Frankreich brauche ich nicht zu reden, das Heine einst als das Land der Freiheit ansah, wie Ludwig Bö,ne, Laube, Gutzkow und so viele Andere; das er überschätzte, weil es den in der Hennath Bedrückten oder Verfehmten eine freie Stätte der Wirksamkeit gewährte. Bei den heutigen Zuständen in Frankreich gedenkt man übrigens unwillkürlich der im Jahre 1843 geschriebenen Worte Heine's: „Was nützt. den Franzosen alle Geschwindigkeit, all' ihr flinkes, anstelliges Wesen, wenn sie ebenso schnell vergessen, was sie gethan? Sie haben kein Gedächtniß, und das ist ihr größtes Unglück. . . . Jeden Tag müssen sie den Kreislauf ihrer Geschichte wieder durchlaufen, ihr Leben wieder von vorn anfangen, ihre Kämpfe auf's neue durchkämpfen, und morgen hat der Sieger vergessen, daß er gesiegt hatte, und der Ueberwundene hat ebenso leichtsinnig seine Niederlage und ihre heilsamen Lehren vergessen." Die Franzosen haben aber immer nur Heine's scharfen Witz, seinen funkelnden Geist, nur seine Gedichte der niederen Minne bewunoert, für sein deutsches Gemüth, das sich in die Seele des Volksliedes vertiefte, das Gesänge reinster und zartester Innigkeit schuf, haben sie kein Verständniß gehabt. Tiefer haben ihn die italienischen Dichter der Neuzeit gewürdigt. Und in England wie in Amerika ist Heine ein geliebter und verstandener Gast, dem man herzliche Anerkennung zollt. Daher hat unser als Professor der deutschen Literatur in London lebende Landsmann C. A. B u ch h e i m dadurch ein wirkliches Bedürsniß befriedigt, daß er zunächst für England und Amerika Heine's Lieder und Gedichte mit feiner und gewissenhafter Hand auswählte, eine Einleitung vorausschickte und kurze Anmerkungen in englischer Sprache hinzufügte. Mit Weglassung der frivolen Gedichte stellte er das Edelste und Schönste in einem zierlich ausgestatteten Bändchen zu- . sammen. Manche Perlen freilich aus Heine's reichem Dichtergeschmeide wird der aufmerksame Leser ungern vermissen, aber der Herausgeber mußte sich beschränken, und es ist ihm doch gelungen, ein Bild von dem Heine zu geben, dessen Seele sich, nach den Worten im „Faust", vom Tust zu den Gefilden hoher Ahnen hebt. Daher wird auch mancher deutsche Leser und besonders die deutsche Leserin an diesem sozusagen geläuterten Heine Freude haben, von dem die schönsten Dichtungen so bequem vor Augen liegen, zumal da Buchheim sich mit den Forschungen deutscher Heinekenner, ich nenne nur Strodtmann, H. Hüsfer, Elster, Karpeles, Seusferr, vertraut zeigt, auch aus eigener Kenntniß manches Belehrende beisteuert. Mit Recht betont