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Im deutschen Reich · 1898-03-01 · Heft 3 (März 1898) · p. 144

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 3 (März 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-03-01
Page
144 (sequence 3)
Language
German
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144 Im deutschen Reich. sie haben ein richtiges „Erkennen" wahrlich nicht zu scheuen. Die Inschrift des delphischen Tempels: „Gnothi seauton“, welche die Selbsterkenntniß zur Pflicht macht, gilt für alle Menschen, und wahrscheinlich sind jene Antisemiten, welche urplötzlich an dem Purimsfest Anstoß nehmen und es als ein „Bartholomäusnacht- Jubiläum" darzustellen versuchen, nur dadurch auf diesen sonderbaren Gedanken gekommen, weil sie in einem Anflug von Selbsterkenntniß in dem sagenhaften „Haman" ihr erschreckendes eigenes Spiegelbild erkennen. „Wann werden die Antisemiten endlich einsehen, daß man ihnen solchen Blödsinn nicht mehr glaubt?" schrieb die „Berliner Zeitung" aus Anlaß einer jener abscheulichen Blutbeschuldigungen, welche alljährlich bei dem Herannahen des Osterfestes in judenfeindlichen Blättern aufzutauchen pflegen. Ein pommersches Blättchen hatte berichtet, es seien in Bromberg zwei jüdische Männer aus Berlin verhaftet worden, weil in einer bei ihnen gefundenen Kiste sich ein an Händen und Füßen gebundenes Mädchen befunden habe, welchem man einen Schwamm in den Mund gesteckt hatte. Diese Mordgeschichte entpuppte sich als ein plumper Schwinde l. Auf eine Anfrage an das Polizeipräsidium in Bromberg über diese Angelegenheit wurde nämlich folgende Antwort ertheilt: Urschriftlich mit dem Bemerken ergebenstznri'ükgesandt, d a s; a n der g a u 3 c n (# e s ili ichte kein w a h r e s W o r t i ft. Das; es ein schlechter a n t i s e m i t i s ch e r 2> d) c rgewesen ist, ist wohl nicht anzunehmen, da an dem Tage, Ivo hier die. Sache bekannt nmrde, Liebermann v. Sonnenberg sprach, die Sache aber gar nicht erwähnt wurde. Die Vermuthung hatte nahe gelegen, das; die Geschichte in die Welt gesetzt worden, um in dieser Versammlung daraus Kapital zu schlagen. Eher liegt der Verdacht nahe, das; es ein W a h l p o l i t i k m a n ö b e r gewesen ist, wenn nicht überhaupt ein schlechter Scher,;. Bromberg, 21. Februar 18W. Städtische Polizei-Verwaltung. Wolff. Als kürzlich in Skaisgirren in Ostpreußen sich das bei dem jüdischen Kaufmann Markus Grodszinsky dienende Mädchen Wilhelmine Picklapp heimlich entfernte, brachte die Königsberger „Hartung'sche Zeitung" darüber eine Notiz, in welcher sie es „als ein trauriges Testimonium für den Aberglauben und die Intoleranz des Volks" bezeichnete, daß wegen des „thörichten Gerüchts von einem Ritualmorde" der früher stark frequentierte Laden des Geschäftsmannes leer stehe. Die antisemitische Presse

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