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Im deutschen Reich · 1898-02-01 · Heft 2 (Februar 1898) · p. 114

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 2 (Februar 1898)
Article
Die Kinder des Ghetto [Rezension]
Date
1898-02-01
Page
114 (sequence 2)
Language
German
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114 Im deutschen Reich. zu einer Existenz zu verhelfen. Ich konnte nicht umhin, die Freisinnigkeit der englischen Behörden und insbesondere der Bewohner Londons zu bewundern und ihnen im Innern dafür zu danken. — Der zweite Band führt uns in die obere Mittelklasse der jüdischen Londoner Einwohnerschaft ein. In einem Salon dieser Klaffe, bei Frau Goldsmith, vereinigt sich eine auserlesene jüdische Gesellschaft, in der über Religion in allen Schattierungen und gelegentlich über bildende Kunst, Shakespeare und neuzeitliche Dichter diskutiert wird. Den Unwillen des größeren Theils der Gesellschaft, namentlich auch der Wirthin, der Frau Goldsmith, erregt ein neulich erschienenes Werk „Mordechai Joseph", dessen Autor sich Edward Armitage nennt. Die Fehler der Juden werden in diesem Werke auf's strengste gegeißelt, obgleich der Verfasser offenbar der jüdischen Nation angehören mußte. In der Gesellschaft befindet sich ein schwarzes, schüchternes Mädchen, dessen Augen bei den zornigen Aeußerungen über die in diesem Werke geschmähte Judenschaft öfter blinzeln. In der That ist Edward Armitage nur ein nom de plnme, und dieses Mädchen, Esther Ausell, ist, wie sich später herausstellt, die Verfafferin des Werkes. Esther Ausell war eins der Kinder einer in tiefster Armuth im Ghetto lebenden, jedoch streng religiösen Familie. In der jüdischen Freischule hatte sie einen von Frau Goldsmith gestifteten hohen Preis gewonnen und dadurch die Aufmerksamkeit dieser reichen Frau auf sich gelenkt, die, weil sie selbst keine Kinder hatte, das arme Mädchen adoptierte und der Familie deffelben zur Auswanderung nach Amerika verhalf. Esther Ausell wurde im Hause der Frau Goldsmith von den besten Lehrern erzogen, erhielt ein Diplom an der Londoner Universität und bereiste das Festland. Der Geist, den Esther aus den unjüdischen Literaturen einathmete, trieb allmählich ihren angeborenen Glauben aus, in dem Grade, daß sie orthodoxes Judenthum und orthodoxe Juden verachtete, und, ihren Beschützern unbekannt, das Werk veröffentlichte, das den Zorn der Frau Goldsmith und der Mehrheit der Gäste erregt hatte. In der Abend-Gesellschaft hatte sie jedoch die Bekanntschaft eines jüdischen jungen Mannes, Rafael Leon, gemacht, der, mit Ehren bekleidet, soeben von seinen Studien in Oxford zurückgekehrt war. Mit Staunen erfährt sie von ihm, daß er, der hochgebildete Jude nicht blos an die Satzungen des orthodoxen Judenthums glaubt, sondern sie auch übt. Es läßt sich denken, welch lange Unterhaltungen zwischen den beiden jungen Leuten, die für einander lebhaftes Interesse fühlen, stattsinden müssen, wobei jeder von ihnen seinen Standpunkt zu behaupten sucht. Allein bald findet eine ent-

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