Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1898)
- Article
- Berlin
- Date
- 1898-02-01
- Page
- 98 (sequence 5)
- Language
- German
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98 Im deutschen Reich. schärfend müsse ferner die Vertheidigungsweise des Angeklagten in Betracht kommen. Der Angeklagte wurde zu einer Geldstrafe von 60 Mk. oder 20 Tagen Gefängniß verurtheilt. Da der Privatkläger in einer früheren Verhandlung eine Beleidigung gegen den Angeklagten ausgestoßen hatte, traf ihn hierfür im Wege der Widerklage eine Geldstrafe von fünf Mark. Der bekannte antisemitische Redakteur der „Charlottenburger Nachrichten", Oswald Knorr, wurde vor der zweiten Strafkammer am Berliner Landgericht II wegen Beleidigung des Sanitätsraths Dr, Klein in Charlottenburg am 4. Februar zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. In der Begründung des Urtheils wurde u. A. gesagt: „Der Redakteur einer Zeitung darf zwar allgemeine Mißstände besprechen, er darf aber nicht an der Hand eines konkreten Falles Personen beleidigen. Der Angeklagte — das mag anerkannt werden — kämpft zwar in gutem Glauben für eine ideale Sache (Reform des Jrrenwesens — Anmerkung der Red.), aber er wird gehässig in seinen Ausführungen und schont nicht die Ehre seiner Mitmenschen. Das hohe Gut der Ehre darf nicht angetastet, muß vielmehr energisch geschützt werden. Der Angeklagte ist durch verschiedene Vorstrafen nicht belehrt worden, daß seine Kampfesweise zu weit geht. Es war daher eine energische Strafe am Platz." — Knorr hat sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen und hält sich gegenwärtig in Zürich auf. n Nheinsberg i. d. M., 4. Februar. Es ist gewiß als ein erfreulicher Beweis für die hier herrschende vorurtheilsfreie Gesinnung zu betrachten, daß der einzige hier lebende Bürger jüdischen Glaubens, Kaufmann Julius Hirschfeld, auch in diesem Jahr wiederum mit 10 von 12 abgegebenen Stimmen zum Stadtverordneten-Vorsteher gewählt wurde. «b> Posen, 14. Februar. Vorgestern ist hier unser Vereinsmitglied, der prakt. Arzt Dr. Ludwig Friedländer, gestorben. In dem ehrenvollen Nachruf, den die „Pos. Ztg." dem allzu früh Entschlafenen widmet, wird u. A. gesagt: „Ein echt freisinniger Mann, der jederzeit mit ehrlichem Freimuth für die Sache des Volkes eingetreten ist, so stand er, der Besten einer, seit Jahren rathend und thatend in unserer Mitte. Sein sehnlichster Wunsch war es, dem unabhängigen Bürgerthum auch hier im Osten die ihm gebührende Stellung zu erobern. Das Ziel, das der Verstorbene zu erreichen strebte, sei uns ein heiliges Vermächtniß." Der Verewigte hat lange Jahre hindurch als Vorsitzender der Repräsentanten-Versammlung sowie der Kranken- und Beerdigungsgesellschaft sich auch um jüdische Angelegenheiten sehr verdient gemacht.