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Im deutschen Reich · 1898-01-01 · Heft 1 (Januar 1898) · p. 29

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 1 (Januar 1898)
Article
Umschau
Date
1898-01-01
Page
29 (sequence 1)
Language
German
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29 Umschau. Sott der freienGeistesarbeit sprechend, hat der p r e u - ßische Kultusminister vr. Bosse bei dem zu Ehren des Schriftstellers Dr. Karl Frenzel veranstalteten Feste in einer Tischrede gesagt: „Ich darf Sie nur an die Zeit erinnern um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als L e s s i n g in Verbindung mit Moses Mendelssohn und Nicolai hier von Berlin aus einen breiten, und tiefen Strom höchster geistiger Bildung hinausfluten ließ in die deutschen Lande." Es liegt eine tiefe Bedeutung darin, daß der preußische Kultusminister jetzt auf den Abstand hinweist zwischen jener Zeit und der unsrigen, in welcher leider ein geistiges Zusammenwirken, wie es zwischen Lessing, Mendelssohn und Nicolai stattfand, völlig undenkbar geworden ist. Das offene Zugeständniß, daß ein Jude wesentlichen Antheil hatte an dem breiten und tiefen Strome höchster geistiger Bildung, der damals von Berlin aus in die deutschen Lande hinausflutete, ist ebenso bedeutungsvoll als der offene Ausdruck der Empfindung, daß die Herzens- und Geistesbildung des deutschen Volkes während der Stöckerei und Muckerei wesentliche Rückschritte gemacht hat. Was in der Blüthezeit dieser Sumpfpflanzen von Berlin aus in breiten Strömen nicht nur in die deutschen Lande, sondern viel weiter hinausflutete, hat nicht nur schwere Leiden über die Juden verhängt, sondern einen tiefbedauerlichen Rückgang der deutschen Kultur bewirkt, der befürchten ließ, daß man auf diesem Wege schließlich zu den Zuständen des dunkelsten Mittelalters zurückgelangen werde. Und noch heute wird das, was vr. Bosse mit Recht als eine starke Quelle höchster geistiger Bildung anerkannte, vielfach in ihm nicht allzufern stehenden Kreisen als „flacher Rationalismus" verpönt und das von dem gottbegnadeten protestantischen Pfarrerssohn Gotthold Ephraim Lessing verkündete Evangelium der allumfassenden Menschenliebe als ein glücklich überwundener Standpunkt einer haltlosen Aufklärungs-Philosophie bezeichnet. Immerhin bricht sich aber doch und zwar besonders in den gebildeten bürgerlichen Kreisen der deutschen Großstädte mehr und mehr die Erkenntniß Bahn, daß unter dem Vorwalten mittelalterlicher Anwandlungen sich weder die sittlichen noch die wirthschaftlichen Verhältniffe in Deutschland verbessern konnten, daß endlich wieder von Berlin aus ein breiter Strom geistiger Freiheit Hinausströmen muffe, um aller-

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