Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1897-12-01 · Heft 12 (Dezember 1897) · p. 637

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 12 (Dezember 1897)
Article
München
Date
1897-12-01
Page
637 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316624-2316636-2321550--03382-2321667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Korrespondenzen. 637 widersprechenden Rufe von Wengg's Anhängern und die von diesen versuchten thätlichen Angriffe, welche den antisemitischen Nürnberger zwangen, die Hilfe des Polizeikommiffars anzurufen, veranlaßten Ahlwarbt, zwar für Wengg einzutreten, gleichzeitig aber den Nürnberger für einen tüchtigen Charakter zu erklären; trotzdem könne er aber von den Juden bestochen sein, um Unfrieden zu stiften. Wengg selbst betonte, daß gewissenlose Jntriguanten ihm in den Rücken gefallen' feien und daß ehemalige Kampfgenossen ein zweites antisemitisches Blatt gegründet hätten. Bebend vor Erregung nannte er die Namen: Rechtsanwalt Schielein und Oberexpeditor Scheidler und warf diesen Verleumdung vor, um sie zu einer gerichtlichen Klage zu nöthigen. „Thun sie es nicht," rief er aus, „so sind sie gerichtet, thun sie es, so werden sie gerichtet." Ein neuerlicher Versuch des Nürnberger Parteigenossen, zum Wort zu kommen, wurde durch lärmende Angriffe und den Schluß der Versammlung vereitelt. Nach einer Mittheilung der „Münchener Post" soll es auch bei dem nachfolgenden Bankett, an dem nur noch die getreuesten Anhänger Ahlwardts und Wenggs theilnahmen, zu heftigem Streit gekommen sein, der zwischen 3 und 4 Uhr Morgens mit dem Hinauswurf eines Parteigenossen endete. .Unter der Spitzmarke „Empörende Frechheit" berichtete im September dieses Jahres das hiesige „Deutsche Volksblatt", eine Dame sei — ohne zu wissen, daß das Geschäft ein jüdisches war — in die Teppichhandlung von Franzus gekommen und habe nach wenig zuvorkommender Bedienung das Geschäft verlassen, ohne etwas zu kaufen, daraufhin sei ihr der Jude Franzus" nachgestürzt, habe sie mit Schmähungen überhäuft und sie schließlich in's Gesicht geschlagen. Daran war sogleich die Bemerkung geknüpft, Franzus habe schon öfters Damen, die seinen Laden verließen ohne zu kaufen, beschimpft und mißhandelt. Auch vergaß das Blatt keineswegs, die seinen Parteizwecken entsprechende Nutzanwendung aus dem Vorkommniß zu ziehen: Die deutschen Frauen sollten nicht die Juden bereichern, hinter deren äußerlicher Höflichkeit zuletzt die „ganze Brutalität des Asiaten zum Vorschein komme". Wie die „Münchener Post" mitrheilt, stellte sich in der gestrigen Schöffengerichtsverhandlung die Sache ganz anders dar. Danach ist die Kunstanstaltbesitzersgattin Gisela Estlinger am 15. September, Abends 6 Uhr, in Begleitung ihres Dienstmädchens im Franzus'schen Geschäft erschienen und hat gleich bei dem Eintritt zu ihrer Begleitung gesagt: /,Wie mir scheint, sind wir wieder bei Juden." Frau Franzus legte der Dame eine große Auswahl von Linoleummustern vor, und als diese den Linoleum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.