Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 607 (sequence 17)
- Language
- German
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Offener Brief an Herrn Professor Friedrich paulsen. 607 der Tödtung der Schlachtthiere". Eine Religion, die das fordere, meinen Sie, könne Gleichstellung mit der Religion civilifierter Völker nicht beanspruchen. Ein hartes Wort, den inneren Werth einer Religion nach äußerlichm Symbolen zu beurtheilen, ein vorgefaßtes- Urtheil, den Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gänzlich unbekannten Lehrern, Schriftstellern und Wortführern der jüdischen Religionswisienschaft aus zwei Jahrtausenden dm Werth und die Ebenbürtigkeit civilifierter Menschen und Völker abzusprechen! Ich stehe seit Jahrzehnten auf dem linken Flügel der Reform im Judenthum und halte Speisegesetze, Sabbathfeier, Beschneidung und Schächtweise für überlebte, nebensächliche Dinge, die mit dem Geist und Wesen des Judenthums — Ein Gott, Eine Menschenliebe — nichts zu thun haben. Aber daß auch unter denen, die sie für wichtiger, für erzieherisch beibehaltenswerth erachten, fein- und hochgebildete Menschen sich befindm, die an Civilisation und Kultur allen anderen Volksgenossen gleichstehen, das kann ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, versichem. Ueber das Schächtverfahren sind die Akten noch lange nicht geschlossen. Jahrtausende war das jüdische weniger thierquälerisch als das christliche. Ob es durch neuerliche Erfindungen überholt ist, darüber sind die thierärztlichen Autoritäten verschiedener Meinung. Ebenso darüber, welche Methode gesünderes Fleisch liefert. Für ein System der Ethik machen sich derartige Begründungen der Nichtcivilisierung sehr eigenthümlich. An der Spitze Ihres Werkes, hochverehrter Herr Professor, steht ein treffender Satz: „Vollkommenheit fordert nicht Gleichheit, sondern Mannigfaltigkeit der Bildung." (l, 18). Und weiter fahren Sie so schön und überzeugend fort: „Es ist das erste Menschenrecht und die höchste Menschenpflicht, eigene Gedanken zu denken und eigene Lebenswege zu finden, freie Selbstbestimmung ist das königliche Vorrecht des Geistes. Was hier helfen kann, das ist allein freies, voraussetzungsloses Denken." (I, 27). Mit diesen Gedanken stimme ich freudig überein. Ihnen folgend habe ich, obschon Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gegenüber, in Gelehrsamkeit und Begabung weit zurückstehend, diese offene Aussprache meiner Ueberzeugung unternommen. Dresden. Emil Lehmann. 40