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Im deutschen Reich · 1897-11-01 · Heft 11 (November 1897) · p. 586

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 11 (November 1897)
Article
Karl Emil Franzos [Rezension]
Date
1897-11-01
Page
586 (sequence 3)
Language
German
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586 Im deutschen Reich. mit mehreren Kindern, verheirateten, um ihn dann, als die Furcht sich als unbegründet erwies, von seiner jungen Frau wieder zu scheiden; im dreißigsten Lebensjahre feierte Nathan, mit dem bürgerlichen Namen „Segenswunsch" seine sechste Hochzeit. Wahrhaftig ein Stück Kulturgeschichte, die Geschichte dieses einen Mannes; denn er war nicht eine Ausnahme unter seinesgleichen, sondern was ihm geschehen und was er gethan, ist nur das gewöhnliche Schicksal galizischer Juden, die an dem Lebenslauf Nathan's garnichts Auffallendes und bemerkenswerthes gefunden hätten. Wie eine ganz fremde Welt muten uns diese Zustände und Einrichtungen an, wie eine Welt, von der wir durch Jahrhunderte oder durch weite Meere geschieden wären. Und doch — die Söhne der Leute, die wir in ihrem Ghetto kennen lernen, machen sich frei von ihren Banden, suchen deutsche Schulen und deutsche Bildung und erreichen durch emsigen Fleiß und entsagungsreiches Studium nicht blos, daß sie ihre Landsleute weit hinter sich lassen und die Bildung und Gesittung des Westens sich aneignen, manche von diesen aus „Halb-Asien" gekommenen Jünglingen haben, wie jener Aaron, von dem Franzos in der Geschichte „Ein Zündhölzchen" Seite 147 ff. erzählt, die höchsten -Stufen wissenschaftlicher Tüchtigkeit erreicht. Fürwahr, in diesem unsagbaren Elend, das jeden Menschenfreund mit tiefster Betrübniß erfüllen muß, ein Lichtstrahl, eine Verheißung besserer Zukunft auch für jene Unglücklichen und Gedrückten, zugleich aber auch ein Beweis von der zähen Lebenskraft, die selbst in den geistig und körperlich verkrüppelten Juden nicht ganz erloschen ist. Freilich müssen wir Franzos darin Recht geben, daß für die nächste Zukunft eine Besserung nicht zu hoffen ist. „Kulturarbeit kann nur da glücken, wo Friede herrscht," und Friede wird nach menschlicher Voraussicht sobald in Oesterreich nicht einkehren. Der Kampf gegen das Deutschthum, der dort jetzt zu hellen Flammen entbrannt ist, muß uns deshalb doppelt schmerzlich berühren, .weil die Zurückdrängung des deutschen Wesens und Einflusses auch unsere dortigen Glaubensgenossen um Jahrzehnte zurückdrängt auf dem Wege zu geistiger und sittlicher Bildung. Treffend legt Franzos dar, daß der Sieg des Polenthums in jenen Landen wie für das Deutschthum so für die jüdische Bevölkerung einen ungeheuren Rückschritt zu Unbildung und Barbarei zur Folge haben müßte. Noch ist ihre Sprache deutsch, wenn auch im Jargon, und nur durch deutsches Wesen wird es ihnen möglich werden, von den geistigen Banden des Ghettos sich zu befreien und selbst ihre Emanzipation anzubahnen und durchzuführen.

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