Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Die Verjüngung des Liberalismus [Rezension]
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 584 (sequence 3)
- Language
- German
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564 3m deutschen Reich. Goethe, der deutscheste aller Dichter, in seinem ewig preiswürdigen Egmont in der Gestalt des Alba dieses reaktionäre System, wie es jetzt in Deutschland zur Herrschaft gekommen war, für alle Zeiten in seiner Verderblichkeit typisch aufgedeckt? Klang nicht das Gespräch zwischen Alba und Egmont wie eine Gegenüberstellung der finsteren, mißtrauischen, menschenverachtenden, reaktionären Anschauungen der Machthaber dieser Zeit und der hellen, heiteren, der menschlichen Natur vertrauenden Anschauungen des Liberalismus? . . . Und waren nicht weiter die erlauchtesten Geister der Deutschen, um von Schiller ganz zu schweigen, die Kant und Fichte, die Schleiermacher und Humboldt durch und durch liberal? Hatten nicht die besten deutschen Männer gestritten und gelitten für die Volksfreiheit? Es war nicht, wie jene feilen Scribenten glaubten, ein Kompliment für Deutschland; es war die schmählichste Beleidigung deutscher Männer, daß fie erst von den Juden die freiheitliche Gesinnung überkommen haben sollten." 6. G. Karl Emil Franzos. Aus der großen Ebene. Neue Culturbilder aus Halb - Asien. 2. gänzl. umgearbeitete Auflage. Berlin 1897. 2. Bd. „Aus der großen Ebene" bildet den fünften und sechsten Band von Franzos' bekanntem Werke „Aus Halb-Asien" und giebt in einer Reihe einzelner Skizzen und Aufsätze eine Schilderung von Land und Leuten des Östlichen Europas,' Galiziens, der Bukowina, Rumäniens und Südrußlands. Wir wissen schon aus den früheren Werken desselben Verfassers, wie unsäglich traurig zum großen Theil die materielle und die politische Lage und in Folge dessen die fittliche Beschaffenheit jener Bevölkerung ist. Und wenn Franzos diese Aufsätze, die zum größten Theil vor 10—20 Jahren geschrieben sind, jetzt in neuer Auflage erscheinen läßt, so kann er, wie er in der Vorrede ausführt, leider von einer Wandlung zum Besseren nichts berichten^ vielmehr haben in manchen Beziehungen die Verhältnisse sich in den letzten Jahren wesentlich verschlimmert. Das wichtigste oder eigentlich das einzige Culturmoment für jene Gegenden, der Einfluß deutscher Bildung, wird weiter und weiter zurückgedrängt. Seit dem Jahre 1870 haben begründeter Neid auf Deutschlands Größe und unbegründete Furcht vor seiner Eroberungslust nnd Herrschsucht einen Deutschenhaß im Osten groß werden lassen, der allen Culturbestrebungen einen unermeßlichen Schaden zusügt und noch lange verderblich wirken wird. Die „Versöhnungspolitik" der Taaffe und Badeni hat bewirkt, daß auch in diesem Theile des österreichischen Staates die Gegensätze schärfer und erbitterter geworden und manche Keime zer-