Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 433 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 48S spielen, sieht man in Oesterreich, wo fast Niemand den Widerstand des Lueger'schen Anhanges gegen die Badenischen Sprachenverordnungen für einen ernsthaften hält, während die Czechen die Juden in Böhmen und Mähren anfeinden, weil diese deutsche Sprache und Sitte treu gepflegt haben. Dies hat einzelne Blätter z. B. das Budweiser Blatt „Jehoceske listy", zu den gehässigsten Ausfällen gegen die Juden veranlaßt und in den czechischen Kreisen Pilsens eine so judenseindliche Stimmung erzeugt, daß es nur eines ganz geringfügigen Anlasses, eines Streites zwischen dem czechischen Studenten Schmidt und einem farbentragenden jüdischen Studenten Hartmann bedurfte, um diese Stimmung am 19. August inThätlichkeiten ausarten zu lassen. Es kam in den Straßen Pilsens wiederholt zu Ausschreitungen gegen Juden; außerdem wurden in der Synagoge und in kleinen jüdischen Wirthshäusern die Fensterscheiben eingeschlagen. Weil sie nicht zugeben wollen, daß eö die deutsche Gesinnung ist, welche den Juden in Böhmen den Haß der Czechen zuzieht, drehen die deutschen Antisemiten den Spieß um und wagen zu behaupten, die Verhaßtheit des DeutschthumS in Oesterreich sei in erster Reihe darauf zurückzuführen, daß die Juden sich den Deutschen angeschlossen. haben und als „Träger des Deutschthums" angenommen wurden^. Einem verjudeten Deutschthum werde der Sieg niemals zu Theil werden. In Wahrheit ist aber dieser Sieg allein auf dem Wege der von Joseph II. vorgezeichneten Toleranz durch die Eintracht der Deutschen aller religiösen Bekenntnisse zu erringen. Daß die Männer, welche jetzt in Wien die antisemitischen Fraktionen leiten, kaum geeignet sein dürften, dem Deutschthum in Oesterreich wieder aufzuhelfen, hat der . Ehrenbeleidigungsprozeß bewiesen, den der christlich-soziale Reichstags-' Abgeordnete Ernst Vergani gegen den deutsch-nationalen Reichstagsabgeordneten Georg Schönerer und dessen Freunde Franz Arnoscht und Carl Hermann Wolfs angestrengt hatte. Von diesem war behauptet worden, daß Vergani als Bürgermeister von Mühldorf Gemeindegelder gestohlen und Obligationen veruntreut habe. Durch die Freisprechung des Angeklagten bekundeten die Geschworenen, daß der Wahrheitsbeweis für diese Beschuldigungen erbracht sei. Der dadurch moralisch verurtheilte Herausgeber des antisemitischen „Deutschen Bolksblattes" sah sich gezwungen, auf sein Reichstags- und Landtagsmandat zu verzichten und alle übrigen Ehrenämter niederzulegen. Bald darauf hatte er aber die Genugthuung, in seinem Blatte mitzntheilen, der WienerBürgermeister Or. Lueger habe ihm (Vergani) sagen lassen, daß im Verhältnisse beider sich nichts geändert habe, und daß Vergani „in seiner A ch t u n g in Folge des Prozesses nicht 29