Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-06-01
- Page
- 319 (sequence 1)
- Language
- German
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819 Umschatt. MMun ward der Winter unsers Mißvergnügens glorreicher Sommer. „Wv Die Wolken all', die unser Haus bedräut, sind in des Weltmeers tiefem Schooß begraben; der grimm'ge Krieg hat seine Stirn entrunzelt." Mit diesen Worten Shakespeares bekunden zur herrlichen Zeit der Rosen gar viele den unverwüstlichen- Optimismus, der einen Grundzug der meisten unserer Glaubensgenossen bildet, welche nur zu geneigt sind, jeden Waffenstillstand für den Anbruch eines goldenen Zeitalters ewigen Friedens anzusehen. Mensch sein, heißt aber Kämpfer sein, und wie der zweite Tempel nur von beständig gerüsteten Bauleuten vollendet werden konnte, sollten auch die Männer, welche für die Errichtung des Tempels der allumfassenden Menschenliebe wirken, stets auf Angriffe lichtscheuer Gegner gefaßt bleiben. Zwischen den Verfechtern der Duldsamkeit in Glaubenssachen und den Frevlern, welche die Menschen trennen, um sie zu beherrschen, giek^ es keinen Frieden, sondern nur von Zeit zu Zeit eine Kampfespause. Immer wieder beginnt das Ringen, bis einmal das Licht über die Finsterniß, die Duldsamkeit über Raffen-, Klassen- und Religionshaß siegt, bis endlich die falschen Propheten, die Wölfe im Schafskleide, ihren gerechten Lohn erhalten. Daß diese Zeit einst kommen wird, dafür bürgt der gesunde Sinn des deutschen Volkes. Noch aber dürfen es gewissenlose Hetzer wagen, den tief religiösen Zug des Volksgemüths, die nationale Begeisterung für die langersehnte und mühsam erkämpfte Neichseinheit für ihre persönlichen Zwecke und für diejenigen ihrer Partei zu mißbrauchen. Noch können sie es unternehmen, Mißtrauen und Zwietracht zu säen zwischen denen, welche berufen sind, in gemeinsamer treuer Arbeit das Wohl des Vaterlandes zu fördern. Noch dürfen sie ungestraft das Gift der Verleumdung ausspritzen nicht nur gegen eine fast wehrlose Minderheit des deutschen Volkes, sondern auch gegen alle einflußreichen Mitglieder der Mehrheit desselben, welche zu menschlich und zu ehrenhaft denken, um gehässige und kulturfeindliche Pläne zu fördern! In einer kürzlich erschienenen Schrift über „das allgemeine Wahlrecht" führte Amtsrichter Dr. H a r t m a n n die Entstehung des Antisemitismus, welchen er mit Recht „als das gerade Gegentheil von Bethätigung politischen Sinnes" bezeichnte, zurück auf „die Scheu des Deutschen vor dem freien, selbstsicheren Auftreten im politischen Leben." Er betonte, daß der Antise- 22