Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 4 (April 1897)
- Article
- Frau L. M., Posen
- Date
- 1897-04-01
- Page
- 233 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Briefkasten der Redaktion. Frau L. M., Posen. Als Antwort auf Ihre werthe Zuschrift verweisen wir Sie auf folgende, bereits im Heft 6, Jahrg. II dieser Zeitschrift enthaltenen Kundgebung: „Unliebsame Erfahrungen, welche verschiedene deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens an einzelnen Badeorten gemacht haben, dürsten dazu dienen, bei der Wahl von Erholungsorten künftighin streng diejenigen zumeiden, welche vorzugsweise von entschiedenen Judengegnern besucht werden. Diese letzteren werden darin keine Boykottierung einzelner Orte, sondern nur eine ihnen erwünschte „reinliche Scheidung" sehen, bei welcher die Juden nichts verlieren. Wenn diese die Nordseebäder Borkum und Juist, wo sie Beleidigungen zu befürchten haben, meiden müssen, bleibt ihnen das benachbarte Wellbad Norderney, wo noch Wallenstein's Grundsatz gilt: „War sonst der Mann nur gut; ich pflegte nach dem Katechismus nicht zu fragen!" Die Ostseebäder Colberg, Stolpmünde u. A. m. bieten hinreichenden Ersatz für Saßnitz auf Rügen, wo ein antisemitisches Treiben geduldet wurde, über welches bittere Klage geführt worden ist, auch für H e i l i g e n h a f e n , wo die Badeverwaltung die Verscheuchung der Juden durch ausnahmsweise hohe Kurtaren ausdrücklich ankündigte. Nach einer Mittheilung der „Täglichen Rundschau" soll sich auch das „hübsche" Ostseebad Zinnowitz gegen jüdischen Besuch erkärt haben, was wir gerade nicht „hübsch" finden! Zwei Gasthöfe in T a b a r z i. T h ü r. haben sich durch Anschläge jüdischen Besuch verbeten, worüber man in dem viel mehr Komfort bietenden reizenden Friedrichsroda nicht böse sein wird. Da man nicht ungestraft unter Palmen wandelt, können es die Juden verschmerzen, wenn die Stadtgemeinde „ F r e u d e n st a d t " das Kurhaus „ P a l m e n w a l d " unter Hinweis auf eine „christliche Hausordnung" empfiehlt. Noch weniger empfindlich ist es, daß der Besitzer des Kurhauses Oberweiler im Schwarzwald öffentlich „den Besuch jüdischer Gäste als unerwünscht" bezeichnete. Weil „chronische Intoxikationen," gegen welche Oberweiler angeblich Heilung schaffen soll, bei Juden selten Vorkommen, wird der Besitzer des Kurhauses nach bekannten Vorbildern bei den Gegnern derselben Ersatz gesucht haben. Die „Tägliche Rundschau" irrt, wenn sie vor-