Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (März 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-03-01
- Page
- 162 (sequence 8)
- Language
- German
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162 Im deutschen Reich. tieferbitterte und niedergedrückte Stimmung herrscht, ist bei dieser Sachlage begreiflich. Professor Nothnagel schrieb an den Präsidenten des „Vereins zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Kultusgemeinde" unter gleichzeitiger Uebersendung einer Spende von 100 Gulden: „Wie ich über die namenlose Schmach des Antisemitismus, welche bis zu einem solchen — ich kann eS nicht anders bezeichnen — verthierten Empfinden führt, urtheile, brauche ich Ihnen wohl nicht ausdrücklich auszusprechen. Ich denke wohl, daß hier mein Name ein Programm ist". — Lueger erwartet mit Rücksicht auf den Ausfall der allgemeinen Wahlen in Wien die kaiserliche Bestätigung als Bürgermeister. Der Rücktritt Strohbachs von seinem Posten ist bereits erfolgt. Die österreichischen Juden haben unter solchen Umständen alle Lust am politischen Leben verloren; sie warten mit Resignation die weitere Entwickelung ab, von der sie größere Nachtheile für die gesammte Monarchie als für sich befürchten. Wie schwer es ist, die lange Zeit hindurch aufgehetzten Volksmasien zu zügeln, zeigt sich in R u ß l a n d - wo die neuerdings wohlwollende Haltung der Negierung den Juden zwar neuen Muth einflößt, aber doch nicht im Stande ist, wilde Ausschreitungen zu verhüten. In S p o l a in dem Gouvernement Kiew wurden am dritten März zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert und außerdem wurde das von der Spiritusmonopol-Verwaltung hergerichtete staatliche Gebä.ude zerstört. HauS- und WirthschaftSgeräthe, Möbelstücke und Waaren lagen zertrümmert in den Straßen umher. Rotten von Bauernweibern und Kindern luden dm Raub auf Wagen, um das „Judengut" in ihre Dörfer zu transportiren. Die meisten jüdischen Einwohner Spolas brachten mit Frauen und Kindern über 48 Stunden im Keller zu, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, und wären verhungert, wenn nicht in Folge der Billen einer nach Kiew eiligst entsandten jüdischen Deputation ein Trupp Kosaken mit dem Gouverneur an der Spitze in die Stadt eingerückt wäre und die Ruhe wiederhergestellt hätte. Jeder, der nachweislich an dem Tumult theilgenommen hatte, erhielt sofort eine provisorische Strafe von 25 Hieben. .Solche kosakische Abschlagszahlungen sind immerhin unerfreulich und nur eine Folge der langjährigen Duldung elender Aufreizungen ungebildeter Menschen. „Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt Ihr ihn der Pein, denn jede Schuld rächt sich auf Erden!"