Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (März 1897)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1897-03-01
- Page
- 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Im deutschen Reich. ist er in seinem Privatleben minder wohlwollend, minder uneigennützig, minder edel als der Franzose? Das wird kein Deutscher, auch kein Unparteiischer behaupten wollen. Warum kommen denn aber in Deutschland bei der Erörterung der Emanzipationsfrage, sowie auch mancher anderen Fragen, wo es sich um Monopol und Rechtsgleichheit handelt, so elende Rücksichten der Selbstsucht, der Mißgunst, der engherzigen Lust an der Hemmung der Kräfte Anderer zum Vorschein, von denen wir auch nicht eine Spur in Frankreich finden, wo die Emanzipationsfrage mit der Schnelligkeit des Gedankens, mit der Festigkeit der Ueberzeugung fast in einem Augenblick entschieden worden ist; Rücksichten, die auch in England der ganzen Streitfrage durchaus fern liegen? Man darf darum nicht glauben, daß das Kleinliche der Gesinnungen hier in den Gemüthern der Einzelnen weniger vorwaltet. Die Natur der Menschen ist nicht so verschieden. Aber das öffentliche, das politische Leben, das legislative Element hat zu viele Würde, zu viele Größe, einen zu erhabenen Standpunkt, um nicht das so ganz und gar Persönliche, Kleinliche und Erbärmliche aus seinem Kreise zu bannen und ihm tiefes Stillschweigen aufzulegen. Selbst die Leidenschaften, die ein solches politisches Leben zuläßt, die es anregt, sind von edlerer, großartigerer Natur. Sie beruhen auf einer Ueberfülle des Kraftgefühls, während die Leidenschaften, mit denen wir es hier zu thun haben, aus einem Gefühl der Ohnmacht hervorgehen; und diese sind hartnäckiger, wenn auch nicht gefährlicher als jene, denn sie erschöpfen sich nie; sie wachsen mit der abnehmenden Kraft; die Gemeinheit ist der mütterliche Boden, aus welchem sie, in den Staub getreten, unversiegende Lebenskraft schöpfen. Man halte dagegen den Reichthum der Intelligenz, welche eine große, zu einem lebendigen politischen Ganzen vereinigte Nation, wo es gilt, sie zu vertreten und ihr Gesetze zu geben, zur Auswahl bietet; die Herrlichkeit des Geistes und der Bildung, die Blüthe eines ganzen an Geistesgaben undSeelenadelreichenVolkes, aufdie höchste Stufe seines politischen Lebens gestellt! Wie anders erscheinen in ihrem Lichte die Fragen des Rechts und der Freiheit, als wenn sie der aufgeblähten Mittelmäßigkeit, der dünkelhaften Beschränktheit, die in den Kreisen eines kleinen, eng abgeschlossenen Staatswesens oft