Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-02-01
- Page
- 93 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 98 meister Strohdach wird uns mitgetheilt, er sei der Sohn der Schwester eines armen Buchbinders in Wernstadt in Nordböhmen. Seinen Vater soll er nicht gekannt haben und seine ganze Erziehung seinem Oheim verdanken, der trotz der eigenen Dürftigkeit alle Opfer brachte, den Neffen zu erhalten und zuerst in Wernstadt, dann in Dresden zu einem Buchbinder in die Lehre zu schicken. Später kam Strohbach nach Wien und gelangte vornehmlich durch die Heirath einer vermögenden Frau zu einer selbstständigen, behaglichen Stellung. Inzwischen gerieth sein alter Oheim in Wernstadt in immer größere Noth und wäre dem entsetzlichsten Elend preisgegeben gewesen, wenn sich seiner nicht einige Wernstädter Familien angenommen hätten. D e r N e f f e, dessen er sich einst so warm angenommen, hat nichts für den nun verstorbenen armen Greis gethan. Dieser dankbare Neffe ist jetzt dank der Herrschaft der Antisemiten erster Bürgermeister von Wien." Unter solchen Umständen ist es recht erfreulich, daß man nicht seine Abstammung, sondern diejenige seines einflußreichen Stellvertreters, des Wiener Vicebürgermeisters, als eine jüdische bezeichnet. In Di'. Bloch's „Österreichische Wochenschrift" wird darauf hingewiesen, daß Dr. Lueger selbst sich rühmte, der Sproß einer alten Wiener Bürgerfamilie zu sein und von einem gewissen Niklas Lueger abzustammen. Dr. Bloch verweist nun auf folgende Stelle in einer Wiener Chronik: „Darnach am schwartzen sunntag mordete man dieselben juden alle, die zeigten viel griets an, unter der erden zu Wien, und hat man allein verbrennt 540 person. Eine jüdin zu Klosterneuburg ließ sich taufen und ward genannt Barbara, hat vor zur eh den juden Schebelein gehabt, die nahm darnach zur eh Niklasen, des Lueger, eines ehrbaren bürgers sohn." — Der von Lueger scharf angegriffene deutsch-nationale Gemeinderath Tomanek schickte zwei Offiziere zum Vizebürgermeister Dy. Lueger, welcher ihn scharf angegriffen hatte, um Genugthuung zu fordern. Dr. Lueger lehnte jedwede Erörterung über eine Satisfaktion ab. Wenn Dr. Karl Lueger durch Bloch, wie dieser sich ausdrückt, zum „Judenstämmling" gemacht wird, so theilt er dies Schicksal mit vielen Männern von. Bedeutung. So hat kürzlich die antisemitische „Hann. Post" darauf hingewiesen, daß die Mutter des neuen russischen Ministers des Auswärtigen, Graf Murawiew, israelitischer Abkunft gewesen sei. Schon geraume Zeit vor seiner Ernennung hat die russische Negierung den Juden einzelne Vergünstigungen gewährt, welche annehmen lassen, daß die Gleichstellung der russischen Juden mit den übrigen Staatsbürgern nur noch eine Frage der Zeit ist. Wie der „Kreuzzeitung" aus Petersburg berichtet