Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-02-01
- Page
- 91 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 91 Auswärtige Amt wird dadurch in der öffentlichen Meinung herabgewürdigt. Die Vorwürfe sind gegen eine hochstehende Behörde gerichtet, welche einer infamen Handlungsweise geziehen wird. Niemandem solle es verwehrt werden, seine politische Anschauung zu veröffentlichen/ Das dürfte aber nur mit lauteren Mitteln geschehen. Es sei dringend geböten, da, wo dieser Weg verlassen werde, zu energischen Strafen zu greifen. Aus diesem Grunde sei von einer Geldstrafe Abstand genommen und auf eine Gefängnißstrafe erkannt worden. Wie wenig berechtigt nach allen den Vorgängen der letzten Zeit die antisemitischen Fraktionen sind, sich einen staatserhaltenden Charakter beizulegen, liegt auf der Hand. Immerhin ist es bemerkenswerth, daß der Führer der aus den Reihen der christlich-sozialen Anhänger Stöcker's hervorgegangenen neuen national-sozialen Partei, Pfarrer Naumann, kürzlich in einer in Darmstadt abgehaltenen Versammlung der deutsch-sozialen antisemitischen Partei den staatserhaltenden Charakter besonders deshalb absprach, weil sie entgegen dem modernen St aatsgedanken zahlreiche Staatsangehörige von den staatlichen Rechten ausschließen wolle. Wenn diese Gesinnungen von der Mehrzahl der National-Sozialen getheilt würden, wäre dies .höchst erfreulich. Im Ganzen läßt sich übrigens annehmen, daß auch andere politische Parteien zu der Erkenntniß gelangt sind, daß der Antisemitismus auf den Umsturz hinarbeitet und deshalb ein sehr bedenklicher Bundesgenosse ist. Während die Nationalliberalen im hessischen Landtage und auch in Baden einzelne Nationalliberale, wie z. B. Herr Muser, dies noch nicht recht einzusehen scheinen und Wahlbündnisse mit Antisemiten für möglich halten, sind die sächsischen Nationalliberalen darüber bereits vollständig im Klaren. Unter der Spitzmarke „Die Antisemiten imReichstage" brachte kürzlich die „Korrespondenz des nationalliberalen Vereins für das Königreich Sachsen" ein ganzes wohlgeordnetes Sündenregister der deutsch-sozialen Reformpartei. In diesem Artikel wurde das Verhalten der antisemitischen Reichstagsabgeordneten bei den Berathungen der Handelsverträge, der Gewerbeordnung und des bürgerlichen Gesetzbuches gründlich gegeißelt und zuletzt die Aeußerung des konservativen Blattes „Vaterland" citirt: „Das sind dieselben Antisemiten, deren zügellose Agitation, gehässiges Auftreten und wilde Volksverhetzung sich als gefährliches Element derDekomposition für den Staat und die Gesellschaft darstellen." Welche Willkür ein antisemitisches Regiment mit sich führt, zeigt