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Im deutschen Reich · 1897-02-01 · Heft 2 (Februar 1897) · p. 86

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 2 (Februar 1897)
Article
Umschau
Date
1897-02-01
Page
86 (sequence 1)
Language
German
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Umschau. W^enn irgend etwas geeignet war, die erstaunliche Milde zu beseiügen, mit welcher Jahre hindurch vom Richtertische aus die Ausschreitungen der Antisemiten beurtheilt wurden, so war es der Uebermuth, mit welchem die so schonend Behandelten die Zielpunkte ihrer Angriffe immer höher stellten und ' mit welchem sie schließlich der Rechtspflege spotteten, von deren Strenge sie noch wenig verspürt hatten. Nachdem der bekannte Redakteur Carl Sedlatzek und sein Vertheidiger Rechtsanwalt Ulrich aus Leipzig zurückgekehrt waren, wo die auf den 15. Januar anberaumte Reichsgerichtsverhandlung hatte vertagt werden müssen, fand in der Jericke'schen Wirtschaft in Berlin eine antisemitische Zusammenkunft statt, über welche der „Deutsche General-Anzeiger" am 20. Januar Folgendes berichtete: „Daß Herr Rechtsanwalt Ulrich den Senatspräsidenten Dr. Löwen - stein wegen seiner jüdischenAbstammung abwies, ein Ereigniß, welches bis jetzt noch niemals vor dem Reichsgerichte vorgekommen ist, haben wir unseren Lesern bereits mitgetheilt. Die Erlebnisse in Leipzig verstand Herr Sedlatzek in der That so anregend, ja geradezu f e u i l l e t o n i st i s ch zu schildern, daß er sich dadurch in hohem Grade den Dank der Versammlung erwarb. Selbst dem feierlichen Schau s.pielevor den Schranken des Reichsgerichtes wußte der Redner einige humoristisch-satirische Züge abzugewinnen." Eine derartige Mißachtung des höchsten deutschen Gerichtshofes ist allerdings noch niemals vorgekommen; sie wird wohl auch nie wieder Vorkommen, denn dem betreffenden Satiriker dürfte inzwischen der Humor abhanden gekommen sein. Nachdem das Reichsgericht den erwähnten Antrag des Sedlatzekschen Vertheidigers als hinfällig erklärt hatte, weil der vorgebrachte Grund der „Abstammung von Juden" nicht hinreiche, die Annahme der Befangenheit zu rechtfertigen und weil der abgelehnte Senatspräsident Dr. Löwenstein selbst amtlich erklärt habe, daß er sich nicht besangen fühle, fand am 29. Januar die Revisions-Verhandlung vor dem zweiten Strafsenat statt, in welcher Dr. Löwenstein den Vorsitz führte. Wegen Gotteslästerung undBeschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft war Carl Sedlatzek von dem Berliner Landgericht II am 20. Oktober 1896 zu drei

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