Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 45 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 45 Hilst und großentheilS von hervorragenderen Bürgern Wiens geleitet wird, hat bei der Erneuerung am Jahresschluffe zum größten Theil einen Wechsel in denPersonen seinerKuratoren erfahren. Der alsSekretär sungirende Reichsrathsabgeordnete Wrabetz, der Anwalt des Verbandes deutscher Erwerbs- und Wirthschastsgenoffenschasten in Oesterreich, mußte zurücktreten und wurde durch eine antisemitische Persönlichkeit ersetzt. Die „Münchener Neuesten Nachrichten", welche diesen Vorfall besprachen, drückten dabei folgende Dermuthung aus: „Wahrscheinlich wird nun dieser Fonds der antisemitischen Wahlagitation dienstbar gemacht werden." — Das klerikale Verhalten des von Lueger beherrschten Wiener Gemeinderaths hat besonders unter der Lehrerschaft große Mißstimmung erzeugt. Die Wiener Lehrerschaft nahm in einer sehr zahlreich besuchten Versammlung eine Resolution an, welche aus Anlaß der Subventionirung des katholischen Schulvereins eine scharfe Mißbilligung gegen den Gemeinderath ausdrückte. Dem antisemitischen Abgeordneten Geßmann, welcher die für diese Resolution eintretenden Redner als „Atheisten" bezeichnete, wurde wiederholt das Wort „Frechheit!" zugerufen. — Die Wiener Gewerbetreibenden, welche die antisemitische Bewegung in der Hoffnung förderten, bei einem Systemwechsel eine Besserung der wirthschaftlichen Lage zu erzielen, haben davon noch nichts gespürt. Die „Neue Freie Presse" berichtete: „Ist das Weihnachtsgeschäft in Wien schon im Vorjahre miserabel gewesen, so war es Heuer noch viel schlechter!" Von den antisemitischen Blättern wurde dies freilich bestritten und behauptet, daß derartige Klagen nur auf die Folgen der Frauenversammlungen zurückzuführen seien, in welchen bekanntlich Prinz Alois Liechtenstein und vr. Lueger wiederholt die Losung: „Kauft nicht bei Juden'." proklamirt haben. Wie sich aber diese Theorie in der Praxis gestaltet, wie Dr. Lueger, wenn e r vortheilhaft bei Juden kaufen kann, seine eigenen Lehren nicht befolgt, das beweist folgender Bericht eines streng-katholischen Wiener Blattes, der „Politischen Fragmente": „Die Ziegellieferung (für die neuen städtischen Gaswerke) wurden vergeben: An die Wienerberger Gesellschaft 19 Millionen (Stück Ziegel), an die Union Baumaterialien- Gesellschaft 18 Millionen, an die Firma Herzfelder u. Co. 10 Millionen. Die Wienerberger Gesellschaft gehört Rothschild, oie Union Baumaterialien-Gesellschaft ist eine jüdische Aktiengesellschaft, und von der Firma Herzfelder sagt schon der Name, daß sie nicht arischer Abkunst ist. Die Lieferungen der Gasrohre wieder wurden ebenfalls an lauter jüdische Gesellschaften vergeben: Witkowitz (Rothschild), Alpine Montangesellschaft (Länderbank)."