Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Aus lichteren Tagen
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 36 (sequence 3)
- Language
- German
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36 3m deutschen Reich. Gelesen war das interessante Gedicht sehr bald, allein zum Schreiben und Antworten komme ich erst heute, da ich in den letzten Tagen, wo wir gerade unfern Uebersiedlungszug aus der Sommerin die Winterwohnung hielten, nirgends die ruhige Stätte an einem Schreibtisch finden konnte. Sie verlangen etwas von mir, was mir überhaupt schwer fällt und gegen meine Neigungen verstößt, nämlich kritischen Beirath. Ich hätte es am liebsten mit Ihrem an poetischen Schönheiten reichen Gedicht gehalten, wie ich es bei der Lektüre von Dichterwerken gewöhnlich zu halten pflege, nämlich über das mir nicht Zusagende hinüberzugleiten und dafür die Schönheiten desto ruhiger und eingehender zu genießen. Ein kritischer Beirath, soll er überhaupt zu etwas nütze sein, verfolgt aber das entgegengesetzte Verfahren, indem er über das Gelungene hinweggleitet und nur bei Jenem, wo er die Feile gelegt wünscht, länger und eingehender verweilt. Wo ich am liebsten das Licht auf mich einwirken ließe, soll ich dem Schatten nachgehen? Nun, glücklicherweise finde ich solcher Schatten sehr wenige in Ihrem Gedichte. Wahr ist es, und ich habe es Ihnen bei der mündlichen Erzählung des Stoffes nicht verschwiegen, daß nemlich eben dieser Stoff für mich etwas Schroffes, Fremdartiges, der allgemeinen christlichen Denk- und Gefühlsweise Widerstrebendes an sich hat, was ihn eben einem in dieser aufgewachsenen größeren Leserkreise von vorneherein gewissermaßen entfremdet. Sie haben dies wohl selbst gefühlt, und ich müßte mich sehr irren, wenn das Schlußgedicht nicht eben von der Absicht diktirt wäre, jenen schroffen Gegensatz versöhnend zu überbrücken. Doch da Sie den Stoff gewählt und dichterisch geformt haben, so ist diese Bemerkung um so überflüssiger, als zu hoffen ist, die Fremdartigkeit des Stoffes werde für jene Leser, welche nicht zugleich Ihre Glaubensgenossen sind, durch deffen Behandlung möglichst ausgeglichen. Sonst hätte ich mir im II. Gesänge zu Gunsten Ihres Helden sowie des Dichters selbst, gewünscht, der Taufakt