Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1897)
- Article
- Der Glaube Israels
- Date
- 1897-01-01
- Page
- 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Im deutschen Reich. durchzieht, in unbestimmter Ahnung lebt und in den Idealen der Kunst und Poesie, in dm Ideen des Gutm und Wahren ihren entsprechenden Ausdruck findet. Doch ich komme zur zweiten oder eigentlich einzigen Alternative, die dem jüdischen Apostaten übrig bleibt, der U e b e r - tritt zum Christenthum. Es ist — ich gebe hier die Worte eines unserer hervorragendstm Denker wieder — mit vollkommenstem Rechte gesagt worden, daß Worte und Thaten, nachdem sie gesprochen und begangen, ihren eigenen Weg gehen, unabhängig von den Absichten des Sprechenden, des Handelnden. Es war zur Zeit der Reformation den Absichten Luther's nichts ferner, als die Fördemng der modernen Kultur. Die Renaissance, die humanistische Bildung hatten kaum einen größeren Feind als den großen Reformator. Er empörte sich gegen den Alles überschattenden Einfluß der Aristotelischen Philosophie und will die nach seiner Auffassung heidnischen scholastischen Anschauungen aus dem Gebiete der Religion verbannen. Die Kirche soll zu dem reinen Glauben zurückkehren, zu dem unverfälschten Worte Gottes. Entgegengesetzt seiner Absicht war die Wirkung der Lehre Luthers. Er selbst hat mit gewaltiger Hand an die Autorität der Kirche gerüttelt. Das Recht der Kritik, das er sich vorbehielt, haben Andere in gleicher Weise geübt, und die Vernunft, der er in Sachen der Religion keinen Platz geben wollte, tritt in ihre vollen Rechte ein und findet Ausdruck in den Lehren der großen Denker, die im Gefolge der Reformation die Grundvesten der mittelalterlichen Anschauungsweise zerstörten. Sie gipfeln in dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts und finden ihren klarsten Ausdruck in der Kritik der reinen Vernunft. Wir sind wohl berechtigt, in entsprechender Weise anzunehmen, daß dem großen Stifter der christlichen Religion nichts ferner lag, als die Zerstörung jenes jüdischen Glaubens, an dem er mit der Gluth der Begeisterung, die sein ganzes Wesen erfüllte, hing. Können Worte klarer und überzeugender sein, als die, mit denen er im Evangelium Matthäi seine Absichten und seine Mission verkündete?