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Im deutschen Reich · 1896-12-01 · Heft 12 (Dezember 1896) · p. 614

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 12 (Dezember 1896)
Article
Zwei Dichter
Date
1896-12-01
Page
614 (sequence 6)
Language
German
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614 Im deutschen Reich. wußte Trennung zwischen Glauben und Wissen vor und in seinen Gedichten heißt es: „Wie Wolken schweben, vom Staube fern, so geht's dem Menschen mit seinem Herrn... Menschensinn bleibt eitel nur, wenn die Allmacht wir erforschen, zu erkennen Gottes Spur". Ferner: „Dein Pfad ist fern und doch dem Frommen nah, der in der Welt des Herrschers Spuren sah." Das ist ein Hinweis auf ein Suchen nach Gott in der Erforschung der Erscheinungswelt. Schwärmerische Glaubens- und Liebesgluth, ferne, dunkelgeahnte Ziele und Bestrebungen prägten in jener Zeit der Dichtung ihre Zeichen auf. Walther fühlte sich zu der damals vorherrschenden Dichtungsweise nicht hingezogen und hat deshalb keine Nitterepen geschaffen. Jehuda Halevi war frei von dem Ehrgeize, Nachahmer des Gabirol und des Mose Jbn Esra in ihren großen, planmäßig gegliederten Dichtungen zu werden. Beiden Dichtern genügte das Lied, die einfache dichterische Betrachtung, der lehrhafte Spruch. Beide haben manchen scheinbar alltäglichen Gedanken in dichterische Form gebracht, wenn er ihnen durch die Erfahrung des Tages dazu geeignet erschien. Daß dem deutschen Dichter eine solche Anspruchslosigkeit bei seiner Größe innewohnte, wird man ohne Weiteres zugeben; daß aber auch der Jude Jehuda Halevi nicht der geistigen Stelzen bedurfte, um etwas zu leisten, ist bemerkenswerth, weil Anspruchslosigkeit so häusig den Juden abgesprochen wird. Wenn Walther sagt: „Prahler und Lügner seien meinem Sange fern," versichert Jehuda Halevi harmlos: „Niemand wird mich Lügen strafen, denn, was ich von Dir verkünde, Deine Thaten machen's wahr." „Die Wahrheit lieb' ich stets mit ganzem Sinne!" Daher das Lob des Wohlthuns, der Tadel der Wortbrüchigkeit. Wer die Wahrheit liebt, den widert jede falsche Würde an; daher sind die Lieder und Sprüche beider Dichter nur Augenblicksbilder und zeigen, so und nicht anders wirkt die Welt auf sie; beide Dichter können sich zu nichts zwingen, was nicht wirklich in ihnen liegt. Daher erschienen ihnen Dinge der Beachtung werth, über die andere, scheinbar größere Geister, himveggingen. Was ihnen zu glänzend erschien, erweckte ihr Mißtrauen. Gereifter in der Weltanschauung als ihre Zeitgenossen, hatten sic die Gabe, das öffentliche Leben zu verstehen und auf Gemeinschaften einzu-

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