Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Kein Judenstaat, sondern Gewissensfreiheit [Rezension]
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 590 (sequence 2)
- Language
- German
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590 Im deutschen Reich. sich organisch entwickeln muß, nicht aber sich künstlich schaffen läßt.;Alle Geld- und sonstigen Mittel würden nicht im Stande sein, aus einem Konglomerat von Menschen, die verschiedenen Nationen angehören und verschiedene Sprachen sprechen, ein einheitliches Ganzes, einen Staat zu bilden. Aber auch abgesehen von der Unmöglichkeit eines solchen Judenstaates verwirft Ernst die Vorschläge Herzl's, weil er, mögen augenblicklich die Zustände in Oesterreich auch noch so trübe sein, die Freude an seinem Vaterlands, die treue Anhänglichkeit an dasielbe sich nicht rauben läßt. Dem Vaterlande dient man nicht dadurch, daß man vor einer unsittlichen Bewegung zurückweicht und ihr die Bahn frei macht, sondern durch tapferes Eintreten für die angeborenen Rechte, durch Bekämpfung und Entlarvung der Volksaufwiegler. „Die Juden sind in den verschiedenen Ländern, in denen sie seit Jahrhunderten wohnen, vermöge ihrer Arbeit an den Gütern des Staates mitbetheiligt; sie sind, und mag man ihnen dieses Recht auch tausendmal bestreiten wollen, Kinder dieses Landes. Dieses Recht kann man ihnen in einzelnen Ländern vorenthalten, aber statt zu flüchten, wie ihnen angerathen wird, haben sie für die Erlangung der ihnen gebührenden Rechte weiter zu kämpfen. Niemand darf sein Recht, sein Vaterland aufgeben; für Recht und Vaterland muß man kämpfen und, wenn nöthig, für diese höchsten Güter auch zu sterben wissen." Der Kampf, die Art der Verteidigung wird in dem zweiten Theil der Ernst'schen Broschüre besprochen. Der kurze Ueberblick, den er dabei über die Entstehung und Entwicklung des österreichischen, insbesondere des Wiener Antisemitismus giebt, scheint mir allerdings etwas oberflächlich; aber die Charakteristik, die er von den dortigen Führern giebt, paßt auch auf gar manchen unserer antisemitischen Helden. Ehrgeiz, Gewinnsucht, das Streben, für eine verkrachte Existenz sich Ersatz zu schaffen auf dem wenig gefährlichen Boden der Judenhetze — diese Motive sind ja auch bei manchem unserer „Deutschnationalen" und „Reformer" handgreiflich zu Tage getreten. Solchen Leuten gegenüber wird durch vornehmes Stillschweigen und gleichgültiges Geschehenlaffen unsere Sache nicht nur nicht gebessert, sondern verschlimmert; auch Ernst ist der Ueberzeugung, daß gerade die Zurückhaltung und Unthätigkeit der Inden gegenüber den Angriffen der Antisemiten einen großen Theil der Schuld daran trägt, daß es so weit hat kommen können. Deshalb möge man sich jetzt ermannen: nicht feige Flucht, sondern energische Abwehr und muthiger Angriff seien das Losungswort. Die Mittel dazu sieht Ernst in „Assoziation und Organisation" der Juden. Wie der