Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Breslau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 574 (sequence 2)
- Language
- German
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574 )m deutschen Reich. hätten dort im vorigen Jahre an die Brunnen-Direktion das Anfinnen gestellt, den Morgenchoral zu streichen. Die „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" forderten den Beweis hierfür, nachdem ihre Anfrage bei der Fürst!. Plessischen Brunnen- und Badedirektion den Bescheid ergeben hatte, daß eine Aufforderung, den Morgenchoral nicht mehr zu spielen, nicht gestellt worden sei. Die „Deutsche Zeitung" des früheren Rundschau-Redakteurs Di'. Fr. Lange erwiderte darauf, daß der Brunnendirektor Hoffmann, der diese Erklärung abgegeben habe, erst seit Oktober v. I. im Amte sei, man sich also zur Klarlegung des Vorgangs an seinen Vorgänger Herrn Mauser (jetzt in Breslau) wenden müsse. Dieser habe bestätigt, daß allerdings an ihn mündlich auf der Promenade die unbescheidene Zumuthung gestellt worden sei, die er gebührend zurückgewiesen habe. Kurz vorher hätten fich die Juden in der Nähe der Musikhalle so laut benommen, daß man ihnen dies habe verweisen müssen. Auch diese Behauptung des Herrn Di-. Lange hat sich als unzutreffend erwiesen. Auf eine Anfrage von nichtantisemitischer Seite erklärte der jetzt hier wohnhafte Herr Manser schriftlich: „Es ist mir nicht erinnerlich, daß seitens jüdischer Kurgäste an mich das Ansuchen gestellt worden ist, den Morgenchoral ausfallen zu lassen; doch ist es andrerseits richtig, daß an irgend einem Morgen sich mehrere Kurgäste lebhaft bei mir darüber beschwert haben, es sei der Morgenchoral seitens jüdischer Kurgäste durch lärmende Unterhaltung in der Nähe des Musik- Orchesters gestört worden. Ich habe indeß aus naheliegenden Gründen nicht weiter recherchirt und die Sache bis zu etwaiger Wiederholung auf sich beruhen lassen. Vorgekommen ist indeß weiter nichts und so ist die Sache von selbst im Sande verlaufen." — Aus diesem Sande hat Herr Or. Lange die Sache wieder ausgegraben und aus der angeblichen „lärmenden Unterhaltung" zur Unterhaltung seiner antisemitischen Leser und stoffhungrigen, antisemitischen Provinzblättchen — „viel Lärm um Nichts" gemacht! Unter der Ueberschrift „Zur Herrschaft des. Judenthums" ist von hier aus der agrarisch-antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" über eine hiesige Aerzte-Versammlung berichtet und daran folgende Bemerkung geknüpft worden: „Was die Juden zu dem Versuch der Kraftprobe getrieben hat, ist die Furcht vor der Errichtung ärztlicher Ehrengerichte, für die die bisherige Kammermehrheit eintritt." Das ist aber eine ganz unbegründete Behauptung, denn nicht die jüdischen, sondern die liberal gesinnten Aerzte wollen mit dem übrigens inzwischen vorläufig zurückgestellten Regierungsentwurfe nichts zu thun haben.