Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (November 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-11-01
- Page
- 559 (sequence 1)
- Language
- German
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559 Umschau. Wiederauftauchen von Ritualmord-Märchen, Blutabzapfungs- Ufo Lügen, angeblichen Fleischbesudelungs-Wahrnehmungen und ähnlicher Ausgeburten des antisemitischen Wahnwitzes ist sicher ebenso wie die kürzlich begonnene Auffrischung früherer seltsamer und abenteuerlicher gegen die Freimaurer erhobenen Beschuldigungen ein schlimmes Zeichen der Zeit. Daß am Ende des 19. Jahrhunderts sich neben dem materialistischen Unglauben der blödeste Aberglaube breit macht und beides von gewissenlosen Hetzern zum Schaden jeder Religion und der Kultur beständig ausgebeutet wird, scheint jetzt selbst in solchen Kreisen Bedenken zu erregen, wo man bisher noch den Zusammenhang zwischen dem Wesen des „fin de siede“ und dem Antisemitismus kaum erkannte. Wenn Hans von Mosch den „Judengott Jahve" ungestraft als Begünstiger von Verbrechen hinstellen durfte, trotzdem dieser Name in hebräischen Lettern auf zahllosen christlichen Emblemen angebracht ist; wenn Karl Sedlatzek sich vor seinen Richtern als gläubiger Katholik aufzuspielen wagte, trotzdem er kurz vorher den großen Gesetzgeber Moses, dessen von Michel Angeles Meisterhand geformtes Standbild das Grabmal eines Papstes ziert, „einen Mörder" genannt hatte — dann müßten doch eigentlich Christ und Jude erkennen, wohin wir jetzt treiben! In einzelnen Organen der katholischen Centrumspartei finden sich bereits Aeußerungen, welche darauf hindeuten, daß die aus solchem theils wahnwitzigen, theils verbrecherischen Treiben keineswegs nur dein Judenthum und seinen Bekennern erwachsenden Gefahren nicht mehr allseitig unterschätzt werden. Noch vor Kurzem war dies in einer Weise der Fall, daß es vielfach Verwunderung erregte, als die ultramontane „Köln. Volkszeitung" ihre ernste Warnerstimme erhob und mit anerkennenswerthem Scharfblick Folgendes erklärte: „Das Ende des 19. Jahrhunderts steht bei all seiner Aufklärung unter den; Zeichen des Aberglaubens. In den verschiedensten Formen erhebt er sein Haupt, unter der Maske der Frömmigkeit, wie unter dem Banner des Freidenkerthums, als kirchlich gefärbte Wundersucht oder kindische Prophezeihung wie als okkultistischer Spuk. Eine Fluth des Aberglaubens drängt heran, ein Aberglauben, kein Atom weniger albern und auf die