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Im deutschen Reich · 1896-10-01 · Heft 10 (Oktober 1896) · p. 527

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 10 (Oktober 1896)
Article
Vereinsnachrichten
Date
1896-10-01
Page
527 (sequence 2)
Language
German
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Vereirrsnachrichlen. 627 loS für die Zukunft arbeiten müssen. Das Wichtigste fei: der doppelten Aufgabe gerecht zu werden, stolz auf unsere große Vergangenheit und die uns zugewiesene Mission, daS rechte Selbstbewußtsein zu hegen, aber auch strenge Selbsterkenntniß zu üben und durch Ablegung erkannter Fehler dahin zu gelangen, uns als gute Juden, gute Deutsche und gute Menschen zu erweisen. Wenn wir diese Aufgaben nach Kräften erfüllen, dann brauchen wir nicht zu verzagen. Dem Muthigen gehört die Welt; wir glauben an unseren Sieg, an den Sieg der Wahrheit über Lug und Trug! An den mit lebhaftem Beifall belohnten Vortrag schloß sich ein reger Meinungsaustausch über die Thätigkeit des Centralvereins, sowie über den obligatorischen Religionsunterricht u. A. m., so daß die Diskussion sich eben so interesiant als umfangreich gestaltete und der Schluß der Versammlung erst um halb zwölf Uhr erfolgen konnte. Die am Montag, den 12. Oktober d. I., im großen Festsaale des „Deutschen Hofs", Berlin 8., Lückauerstr. 5, abgehaltene ordentliche Versammlung wurde von dem Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt vr. M. H o r w i tz , mit einer kurzen Ansprache eröffnet, worauf Herr Dr. Caesar Seligmann aus Hamburg einen von warmer Begeisterung getragenen Vortrag über „dieStellungder deutschenJudenimVaterlande" hielt. In zündender Weise führte der Redner aus, daß die deutschen Juden die augenblickliche widrige Strömung nicht als etwas Bleibendes betrachten, sich weder durch Auferweckung des Gedankens einer eigenen Nationalität ihrem deutschen Vaterlande, noch aus Charakterlosigkeit ihrem Glauben abwendig machen lassen dürfen. Der Vortragende beantwortete dann die beiden Fragen: „Wie find wir deutschen Juden der Gegenwart das geworden, was wir sind?" und „Was sind wir dem Deutschthum und was dem Judenthum schuldig?" Lange vor dem Jahre 1000 hätten aus Gallien nach Deutschland übersiedelte Juden hier Handelskolonien gegründet und trotz bischöflicher Edikte eine angesehene und angenehme Stellung angenommen, bis die Kreuzzüge den Fanatismus entflammten und einen vollständigen Umschwung in den bürgerlichen und rechtlichen Verhältnissen der Juden brachten. Vom Leben der Nation ausgeschlossen, zu Kammerknechten herabgewürdigt, systematisch zum Wucher gedrängt, wurden sie fünf Jahrhunderte hindurch Opfer der entsetzlichsten Verfolgungen. Ein Band fesselte sie trotzdem auch in jener Zeit an Deutschland, das Band der deutschen Sprache und Poesie, wie denn auch unter den Minnesängern und Uebersetzungsmeistern Juden zu verzeichnen sind. Auch dieses Geistesleben verkümmerte - unter dem Einfluß der Kabbalisten, bis Moses Mendels-

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