Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Berlin
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 510 (sequence 1)
- Language
- German
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610 Korrespondenzen. * Berlin, 24. Oktober. Das am 21.V.M. auf dem jüdischen Friedhofe zu Weißensee stattgehabte Begräbniß des durch meuchlerische Buben ermordeten Justizraths M^yer Levy legte das ehrendste Zeugniß für das Ansehen und die Beliebtheit ab, deren sich der so jäh Dahingeschiedene in weiten Kreisen erfreute. An der Spitze der Vertreter des Justizministeriums erschien der Justizminister Schönstedt persönlich. Das Neichsjustizamt war durch den Staatssekretär Nieberding, das Kammergericht durch den Präsidenten Drenkmann, sowie den Geh. Justizrath Keyflner vertreten; außerdem waren sämmtliche Kammergerichtsanwälte erschienen, wie sich denn über 600 Rechtsanwälte an der imposanten Trauerfeier betheiligten. Der Berliner Anwaltsverein, desien Vorsitzender der Verstorbene gewesen, hatte die Justizräthe Adel und Kempff, die Anwaltskammer ihren Vorsitzenden Geh. Justizrath Lesse delegirt. Die jüdische Gemeinde war in allen ihren Verwaltungsorganen und Institutionen vertreten. Nach der Rede des Rabbiners Dr. Maybaum widmeten die Geh. Justizräthe Lesse und Wilke dem Dahingeschiedenen ehrende Nachrufe. Eine antisemitische Volksversammlung, die am 23. Oktober in den „Germaniasälen" in Berlin abgehalten wurde, hat im Anschluß an eine Besprechung des jüngsten Ritualmordprozesies eine Resolution gefaßt, die antisemitische Neichstagsfraktion zu ersuchen, die in jenem Prozeß zu Tage getretene Schwankung der Judikatur des Reichsgerichts in Bezug auf den Tatbestand der Gotteslästerung beim Reichsjustizetat zur Sprache zu bringen. Diese „imposante Volksversammlung" bestand aus 60 bis 70 Personen! Die Lorbeern des Herrn Sedlatzek haben den Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg nicht schlafen lassen. Nachdem Ersterer mit einem Bildchen des kleinen Andreas von Rinn für seinen „General-Anzeiger" Reklame zu machen suchte, kündigte Herr Liebermann von Sonnenberg „die wohlgelungene Wiedergabe eines alten Kupferstichs, den von Juden im Jahre 1475 an dem Knaben Simon von Trient verübten Blutmord" darstellend, in einer Agitationsnummer seiner „Deutschsozialen Blätter" an. Bekanntlich schrieb der Doge Mocenigo in einem Erlaß vom 22. April 1475, „daß das Gerücht von dem er-