Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 499 (sequence 1)
- Language
- German
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499 Umschau. Ms ist eine von vielen Antisemiten beständig wiederholte und von anderen Leuten nur zu oft geglaubte Unwahrheit, daß der Antisemitismus seine Spitze nicht gegen die jüdische Religion richte, sondern lediglich den Einfluß der Juden auf politischem, volkswirthschastlichem und literarischem Gebiete bekämpfe. Daß es den meisten Antisemiten im Grunde nur darum zu thun ist, den vollberechtigten Wettbewerb ihrer Mitbürger jüdischen Glaubens auf den verschiedensten Gebieten unmöglich zu machen oder doch wenigstens wesentlich zu erschweren, kann ohne Weiteres zugegeben werden. Sind doch gerade die eingefleischtesten Judengegner auch Verächter des Christenthums, dem sie den ödesten Atheismus und das altgermanische Heidenthum offenkundig vorziehen, weil der semitische Gottesbegriff allen drei monotheistischen Religionen gemeinsam innewohnt. Aber weder die Schwärmerei für jene mühselig wieder auferweckte Götzenverehrung, welche einst Bonifazius und Karl der Große so energisch auszurotten bemüht waren, noch die Begeisterung für neuzeitliche atheistische und materialistische Irrlehren hindern die Antisemiten, sich fälschlich für Vertheidiger des Christenthums auszugeben, sobald sie harmlose Gemüther vor sich haben, welche sie unter dieser Maske zu einem Kreuzzuge wider die Juden entflammen zu können glauben. Die Angriffe gegen die jüdische Religion und die Einrichtungen der jüdischen Religionsgenossenschaft sind ihnen eben nicht Zweck, sondern Mittel. Sie verzichten zwar bei ihrem bösen Werke nicht darauf, auf die niedrigsten Instinkte der Waffen, Argwohn, Neid und Haß, zu wirken, aber sie wissen recht gut, daß zu allen Zeiten die Aufstachelung des religiösen Fanatismus sich als ein weit mächtigeres Kampfmittel erwiesen hat und auch in unserer Zeit noch größere Zugkraft besitzt als der bloße Hinweis auf geschäftlichen Wettbewerb. Wenn es nicht leider so Viele gäbe, die Augen haben und nicht sehen, Ohren haben und nicht hören, dann müßten längst jene Heuchler entlarvt sein, welche versichern, daß sie gar nicht mit ihren Angriffen die jüdische Religion, sondern die jüdischen Raffe-Eigenthümlichkeiten meinen, dann müßte allseitig der offenbare Widerspruch erkannt worden sein, daß gerade die sogenannten „Rasse-Antisemiten" mit Vorliebe das alte Testament, den Talmud, den 34*