Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Fleischbesudelungs-Prozesse
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 484 (sequence 20)
- Language
- German
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484 3m deutschen Reich. zahllose glaubwürdige Zeugen beschworen, daß sie die alte Frau auf dem Besenstiel durch den Schornstein haben reiten sehen, und die alte Frau ist von der Armensünderbank zum Scheiterhaufen befördert worden. Auch damals haben wohl häufig die Zeugen nicht wider besseres Wissen gezeugt, sie waren durch Fanatismus verblendet und sahen das, was sie glaubten, und bekundeten das, was sie gesehen zu haben glaubten. Wer wird uns ansinnen, jene Flugblätter, Korrespondenzen, Zeitungsartikel und öffentlichen Rundschreiben antisemitischer Hetzapostel ruhig gewähren zu lassen, welche heut' das Volk gerade so wie damals fanatisiren und verblenden, welche seine Phantasien mit Schauermärchen und die Volksseele mit grenzenlosem Haß gegen die Juden erfüllen wollen! Meine Herren, ich habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn seiner Zeit gegen die Autoren des Fleischbesudelungsmärchens eingeschritten und der Fanatisirung der Rassen durch Schrift und Wort rechtzeitig entgegengetreten wäre, daß dann dem Schlächter Bonn sein unseliges Schicksal erspart worden wäre. Wir dürfen es nicht dulden, daß sich neben der Vlutlegenoe und der Brunnenvergiftungslegende noch die neuen Legenden der Flcischbesudelung bilden, mag unser Handeln auch von der„Volks-Ztg."alsVerblendung bezeichnet werden. Wenn etwas verblendet war, so war es der JndifferentiSmus der deutschen Juden, nicht ihre Abwehrbestrebungen. Wer will von „Albernheiten" reden, wenn Gut und Freiheit des einzelnen Juden in Gefahr kommt, wenn seine Ehre und die Ehre der Gesammtheit geschmäht, seine Religion gelästert wird und wer will den Rath geben, daß man hierzu schweigen und die große Glocke scheuen soll. Haben denn die Juden diese große Glocke zu fürchten? Hängen wir an sie das Unrecht, das wir begehen, oder das Unrecht, das wir leiden? Man vergegenwärtige sich nur, daß etwa christliche Pastoren oder Offiziere um der Schlechtigkeit eines Einzelnen wegen in ihrer Gesammtheit verunglimpft würden; wer würde demjenigen, der den Lästerer zur Rechenschaft zieht, zuzurufen wagen, er solle den Schimpf hinnehmen und nur um Gotteswillen nicht die Sache an die große Glocke hängen. In der thatkräftigen Wahrung unserer Ehre wollen wir Niemandem nachstehen, und wer uns anders räth, muß entweder ein verkappter Antisemit sein, oder er hat die Ghettoschalen noch nicht völlig abgestreift.