Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1896)
- Article
- Fleischbesudelungs-Prozesse
- Date
- 1896-10-01
- Page
- 476 (sequence 12)
- Language
- German
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476 3m deutschen Reich. gesprochenes hinein, das besonders gefährlich ist. Rein formal angesehen, wickelt sich Alles tadellos ab; die Aussagen werden formal gegen einander abgewogen; aber rein menschlich und psychologisch betrachtet, bleibt man vor einem ungelösten Näthsel, wenn man nur so weit geht, wie der Gerichtshof gegangen ist. Indem der Gerichtshof die Frage des Motivs bei Seite schiebt, erkennt er selbst das an. Alan muß weiter gehen. Die Zeugen und die Angeklagten leben in einer Gegend, welche durch die antisemitische Agitation tief aufgewühlt ist. Man braucht nur daran zu erinnern, daß hier auch der Schauplatz des Prozesies Buschhosf war. In Vurgwaldnicl, wo die Bonns ihre That verübt haben sollen, hielt im Frühjahr 1892 der bekannte Antisemit Dr. König eine Rede in einer Volksversammlung. Die Rede, welche im „Sprecher am Niederrhein" am 28. Mai 1892 ini Auszuge wiedergegebcu wird, ist von der üblichen Art; sie stützt sich aus Rohling und sein Werk „Der Talmudjude", das „als eine Pfütze statt einer Quelle" von Professor Delitzsch bezeichnet worden ist, und ein Dutzend anderer christlicher Professoren der Theologie belegt cs mit ähnlichen Worten. WenigeWochen später, am 12.Juni, sprach alsdann wiederuni inBurgwaldnielvr. Tanneil, derantisemitischerAgitator geworden war, nachdeni er wegen Trunksucht sein Pfarramt hatte niederlegen müssen, der hieraus zur Besserung in die Anstalt Bethel des Herrn von Bodelschwingh gebracht worden war, der sich dort unmöglich machte und nach weiteren bewegten Zwischenfällen schließlich sogar aus der antisemitischen Bewegung verschwinden mußte. Damals rettete er noch das deutsche Volk. Den Einwohnern von Burgwaldniel sagte er, nach dem „Sprecher am Niederrhein" vom 15. Juni, in jener Versammlung: „Vor einem Jahre war es, da blitzte in Xanten ein blutiges Schlächtermesser in der Hand eines Juden, und ein katholischer Knabe sank dahin als Schlachtopfer," oder: „Der Jude erachtet das christliche Weib gleich dem Pferde." Und er sagte noch manches dieser Art. Eine Wirkung dieser Vorträge ergiebt sich aus mehreren Briefen, die im Prozesse mitgetheilt worden sind: