Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 9 (September 1896)
- Article
- Staatsmann, Dichter und Philosemit
- Date
- 1896-09-01
- Page
- 429 (sequence 12)
- Language
- German
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Staatsmann, Dichter und j)hilosemit. 429 rühmtesten Sohnes durch ein Denkmal in Bronze zu ehren. Als dasselbe am 18. August 1878 eingeweiht wurde, hielt es Gambetta, welcher ehemals den Dichter Lamartine „einen Riesen" genannt hatte, der Mühe nicht werth, der Feierlichkeit beizuwohnen. Bei den aus Anlaß des hundertjährigen Geburtstages Lamartines am 21. Oktober 1890 in dessen Vaterstadt veranstalteten Festlichkeiten waren aber mehrere Vertreter der Regierung anwesend und Jules Simon hielt im Aufträge der Akademie die Festrede. Damit glaubte man in Paris die Dankesschuld abgetragen zu haben gegen den trefflichen Schriftsteller, dessen Name seltsamer Weise niemals wieder in Frankreich volksthümlich geworden ist,, trotzdem in neuerer Zeit dort wieder sowohl kostbare als auch billige Ausgaben seiner Werke veranstaltet worden sind. Das wilde Parteitreiben in Frankreich, der dort krasse Blüthen treibende Materialismus, der durch die antisemitischen Wühler vom Schlage Drumonts erfolgreich betriebene Appell an die niedrigsten Instinkte der Massen, Neid, Haß und Argwohn, sind dem Andenken eines schwärmerischen Idealisten wenig günstig. Ein hochbegabter Denker mit solchen echt friedensfreundlichen, echt menschlichen, wahrhaft weltbürgerlichen Gesinnungen gehört aber nicht nur seinem Vaterlande an. In allen Kulturländern bieten die tiefempfundenen Schöpfungen dieses Dichters, dem Gott gegeben, in so harmonischen Tönen zu sagen, was er litt, empfänglichen Gemüthern Erhebung und Genuß in stillen Stunden. Das deutsche tiefreligiöse Gemüth fühlt sich durch solche geistige Speise besonders erfrischt, und deshalb werden Lamartine's Werke besonders gern in Deutschland gelesen, ungeachtet der ungünstigen Urtheile, welche Freigeister wie Johannes Scherr über dieselben gefällt haben. Wieder und wieder haben sich deutsche Schriftsteller daran versucht, Lamartine's Schöpfungen in's Deutsche zu übertragen und den Beweis zu liefern, daß unsere herrliche Muttersprache desselben Wohllauts fähig ist, wie die von Lamartine meisterhaft behandelte französische Sprache.*) *) Ich selbst habe seine Novelle .Graziella" für Paul Junge in Leipzig seinen Roman .Raphael" für Philipp Reclam übersetzt und die von Dr. Korth und von mir gemeinsam verfaßten metrischen Uebersetzungen der Gedichte Lamartine's füllen das Bändchen Nr. 1420 der Universal-Bibliothek Reclam's. 29