Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1896-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1896) · p. 382

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1896)
Article
Historische Methode
Date
1896-07-01
Page
382 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316611-2316619-2318860--01322-2318984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

882 Historische Methode. er Verfasser des Buches: Die Judengemeinden des MitLel- Alters, insbesondere die Judengemeinde der Reichsstadt Ulm, ein Beitrag zur Deutschen Städte- und Wirtschaftsgeschichte,. Ulm 1696, Gebrüder Rübling, Herr Eugen Rübling, hat sich, wie aus einer auf dem Umschläge befindlichen Buchhändleranzeige hervorgeht, vielfach mit der Wirthschaftsgeschichte seiner Vaterstadt befaßt. Darüber ist er wohl auch an die Urkunden der Ulmer jüdischen Gemeinde gerathen; der Stoff ist ihm, wie er im Vorwort mittheilt, unter den Händen so gewachsen, daß ein dickleibiges, 566 Seiten starkes Buch zu Tage gefördert worden ist. Von welchem Gesichtspunkte der Verfasser sich leiten läßt, erhellt aus dem im Nachwort befindlichen Hinweis auf eine Aeußerung Dühring's, der einzig gangbare Weg zur Lösung der Judenfrage sei die kritische Sichtung der Mittel, welche die Nationen in früheren Zeiten zur Abwehr der Uebergriffe der Juden in Anwendung gebracht haben. Unkritische Gemüther haben bisher geglaubt, das Mittelalter hätte diese Mittel in Einschränkungen jeder Art, Ghettozwang, Ausschluß von ehrlichem Erwerb, Verfolgungen, Raub und Todtschlag gesucht; der Verfasser kommt mittelst Anwendung der „historischen Methode" zu ganz anderen Resultaten. Man kann dreist behaupten, daß wir es mit einem Epoche machenden Werke zu thun haben, das die ganze Weltgeschichte in vollkommen neue Beleuchtung rückt; umsomehr muß die wohlthuende Bescheidenheit anerkannt werden, mit der das Buch nur als Beitrag zur Städte- und Wirthschaftsgeschichte bezeichnet wird. Der Verfasser umrahmt das Wort Antisemitismus mit „Gänsefüßchen", er erkennt gute Eigenschaften der Juden wiederholt an, er spricht davon, die Judenfrage müsse im Interesse der Christen und Juden aus den Wirren der Sturm- und Drangperiode herausgeleitet werden, — alles das scheint für eine gewisse Unbefangenheit zu sprechen. Doch schon nach Durchsicht weniger Seiten erkennt man, wie weit es damit her ist. Wir haben es mit einer Leistung des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus zu thun, — und mit was für einer!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.