Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1896)
- Article
- Die Lage in Oesterreich
- Date
- 1896-07-01
- Page
- 342 (sequence 2)
- Language
- German
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342 Im deutschen Reich. heit und Schwachmüthigkeit der Führer der Deutschliberalen zu vertheidigen; aber ich glaube in diesem einen Punkte hätten sie auch mit antisemitischer Agitation und Roheit nichts Rechtes ausgerichtet, abgesehen davon, daß nicht Jeder, der will, ein Demagog oder Agitator werden kann — es gehört eben auch angeborenes Talent dazu! Es scheint mir vielmehr, daß man hier Ursache mit Wirkung verwechselt. Nicht weil die Antisemiten das Volk aufhetzen und Exzesse verursachen, die Minister und die Ungarn beschimpfen, hat man ihnen Konzession aus Konzession gemacht; nicht weil man sie fürchtet, haben sie an hoher Stelle Gunst gefunden. Das Gegentheil ist der Fall: weil sie hohe Gönner und Gönnerinnen haben, durften sie ungestraft übermüthig werden, ließ man ihnen Vieles hingehen, was man an anderen Parteien und gar erst an Juden streng geahndet hätte. Das jetzige Ministerium fürchtet sich nicht und zögert nicht, Polizei und Militär in Thätigkeit zu setzen. Das sah man ain Vorgehen gelegentlich der Exzesse am 1. Mai im Prater. Ja selbst vor dem geistlichen Gewand macht es nicht Halt und sindet dabei die Unterstützung der kirchlichen Macht. Das beweist das Vorgehen gegen Pater Stojalewski, der von weltlichen und geistlichen Behörden in schönster Eintracht bekämpft wird. Freilich hat Stojalewski den Antisemitismus nur als Nebengeschäft betrieben und hauptsächlich gegen den hohen Klerus und die polnische Schlachta agitirt. Gegen ihn geht man mit Absetzung und Kerkerstrafen vor; aber Pater Deckerk, der nur für Ausrottung der Juden agitirte, wird zu einer Geldstrafe verurtheilt. Ja noch mehr, er hat ungestraft die Bibel und den König David, der doch zu den Heiligen der katholischen Kirche gehört, in unfläthiger Weise beschimpft. Sb solches Vorgehen Deckert's nicht dem Christenthum mehr als dem Judenthum schadet, das wollen wir hier nicht erörtern. Immer deutlicher aber tritt es zu Tage, daß, so sehr auch die Juden in Oesterreich vom Antisemitismus leiden, sie nicht mehr die eigentlich Bekämpften sind. Das liberale gebildete deutsche Bürgerthum ist es, welches von den Feudalen und Ultramontanen bekämpft wird, von Jenen, die den Bund Oesterreichs mit dem protestantischen Kaiser und dem „kirchenräuberischen" Italien zu unterminiren suchen.