Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-06-01
- Page
- 322 (sequence 8)
- Language
- German
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322 3m deutschen Reich. Empfindungen von Juden zum Gespött machen, — heute hat der von deutsch-österreichischen Turnern begonnene Widerstand auch im Reiche schon Widerhall gefunden und im „Deutschen Turner-Bunde" sich ein kräftig vordringendes Organ geschaffen. Vor Kurzem noch war Wien, die geschichtlich überlieferte Fäulnißstelle am deutschen Volkskörper, ganz eingespounen vom jüdischen Spinngewebe, — jetzt regiert dort ein deutsches Regiment trotz Ungarn und Badeni." Diese Spuren der „Stöckerei" sind wahrlich nicht erfreulich; sie sind vielmehr erschreckend, nicht für uns als Bekenner des jüdischen Glaubens, sondern als Deutsche, welche ihr Vaterland lieben und dasselbe auch künftig allen Kulturstaaten voranleuchten sehen möchten! Was jetzt in Oesterreich „trotz Ungarn und Badeni" vorgeht, wird hoffentlich Allen, welche es mit Deutschland gut meinen, zur Warnung dienen. Aus dem antisemitischen Regiment im Wiener Rathhause werden allem Anscheine nach der österreichischen Negierung ernstere Verlegenheiten erwachsen, als wenn dieselbe den Antisemiten gegenüber diejenige feste Haltung bewahrt hätte, welche durch die Verhältnisse geboten schien. Daß sich die Dinge in Wien unter dem Bürgermeister Strohbach und den beiden Vizebürgermeistern Lueger und Neumaier nicht sehr friedlich gestalten werden, das haben die Vorgänge bei den Stadtrathswahlen gezeigt. Von den 22 Stellen im Stadtrathe, welchem die Verwaltung Wiens obliegt, wollten die antisemitischen Mitglieder des dortigen Gemeinderaths den Liberalen nur 6 überlassen. Damit begnügten sich die letzteren auch, aber sie fanden es ungehörig, daß man es ihnen verwehren wollte, den früheren Stadtrath Stiaßny mit als Kandidaten aufzustellen, weil Stiaßny Jude ist. Bei den am 28. Mai im Wiener Gemeinderath vorgenommenen Stadtrathswahlen gaben deshalb die Mitglieder des fortschrittlichen Parteiverbandes keine Stimmzettel ab. Als trotzdem von den antisemitischen Gemeinderathsmitgliedern sechs fortschrittliche Mitglieder zu Stadträthen gewählt wurden, erklärten die Gewählten, die Wahl nicht annehmen zu wollen, weil der vom fortschrittlichen Parteiverbande nominirte Stadtraths-Kandidat Stiaßny wegen seiner jüdischen Religion von der Majorität des Gemeinderaths zurückgewiesen worden sei. Damit war die Sache noch nicht abgethan, da die liberale Partei anläßlich der Haltung der antisemitischen Mehrheit des Wiener Gemeinderaths in der Hvrage der Stadtrathswahlen eine Interpellation an die Negierung richtete, welche Vorkehrungen sie zu treffen gedenke, um den Staatsgrundgesetzen Anerkennung zu verschaffen. Als Antwort erfolgte ein matter Hinweis auf die nothwendige Achtung der Autonomie der Stadtverwaltungen. Eine ganz andere Sprache