Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-06-01
- Page
- 315 (sequence 1)
- Language
- German
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315 Umschau. Das Kaiserwort „wider Selbstüberhebung und Unduldsamkeit" hat eine zündende Wirkung ausgeübt; es klingt in zahllosen Herzen wieder und wird künftig auch bei Denjenigen wohlthätig nachwirken, welche sich zunächst dagegen sträuben, „die Politik aus dem Spiele zu lassen, dieweil sie das garnichts angeht." Sie werden durch die Nichtbetheiligung an lärmenden Agitationen ihre patriotische Wirksamkeit in keiner Weise beeinträchtigt sehen und nur gewinnen, wenn sie das wilde Gewühl der politischen Arena künftig möglichst vermeiden. Dieselben Männer, welche sich nicht nur als die festesten Stützen für Thron und Altar erklärten, sondern auch stets wider den Parlamentarismus für das starke Königthum von Gottes Gnaden eintraten, können jetzt keine politische Oppositions-Stellung einnehmen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, daß sie sich nach dem Berschen richten: „Und der König absolut — wenn er uns den Willen thut!" Am härtesten fühlt sich, wie vorauszusehen war, von dem Wortlaut des von dem Freiherrn von Stumm veröffentlichten kaiserlichen Telegramms der ehemalige Hofprediger Stöcker getroffen. Derselbe hat deshalb alles Mögliche versucht, dasselbe so zu deuten, als ob es minder gegen ihn als gegen die politische Wirksamkeit seiner sämmtlichen Amtsbrüder gerichtet sei. Unter Anderem sagte er: „Wenn diese Anschauung buchstäblich zur Geltung käme, würde sie die evangelischen Geistlichen als Staatsbürger untergeordneter Art erscheinen lassen. Und da von vornherein klar ist, daß weder katholische Priester noch jüdische Rabbiner oder irgend ein Geistlicher der anderen Denominationen sich jener Auffassung beugen werden, so hätte die Aeußerung des Kaisers für die Landeskirche eine besonders schwere Bedeutung." Daß kein einziger deutscher Rabbiner sich bisher in den politischen Parteikampf gemischt hat, ist Herrn Stöcker wohlbekannt, der offenbar nur auf diese Weise durch einen neuen antisemitischen Seitensprung die Aufmerksanlkeit von sich abzulenken sucht. Immerhin scheint es ihm und seinen eifrigsten Freunden gelungen zu sein, wider den Inhalt des kaiserlichen Telegramms und gegen den auf dasselbe