Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1896-06-01 · Heft 6 (Juni 1896) · p. 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 6 (Juni 1896)
Article
Zola über den Antisemitismus
Date
1896-06-01
Page
312 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316611-2316618-2318733--01203-2318811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

312 Im deutschen Reich. müßte man das Ghetto wieder errichten, wir hätten wieder die Judenstraße, die man Abends mit Ketten absperren würde. Ihr hegt noch immer den schönen Glauben, daß man die Leute unterdrückt, wenn man sie verfolgt? Aber ganz das Gegentheil ist der Fall! nicht eine große Sache giebt es, die nicht erst mit dem Blute ihrer Märtyrer festere Wurzel gefaßt hätte! Wenn es noch Juden giebt, so ist das Eure Schuld! Sie wären verschwunden, hätten sich verschmolzen, hätte man sie nicht gezwungen, sich zu vertheidigen, zu gruppiren, und hartnäckig bei ihrer Rasse zu verharren. Und noch heute kommt ihre eigentliche Macht von Euch, die Ihr sie ihnen durch Uebertreibung erst füllbar macht. Man schafft schließlich eine Macht, indem man jeden Morgen aus schreit, sie existire. Sprecht nicht mehr von ihnen und sie werden nicht mehr da sein. Am Tage, da der Jude nur ein Mensch ist wie wir, wird er unser Bruder sein. Und nun drängt sich uns die entgegengesetzte Taktik auf, nämlich die Arme weit zu öffnen, und die vom Kodex anerkannte Gleichstellung aus sozialem Gebiete zu verwirklichen; die Juden zu umarmen, um dem Rassenkriege ein Ende zu machen, indem man die Raffen vermischt, Heirathen zu stiften und den Kindern die Sorge zu überlassen, die Väter zu versöhnen. Das allein ist das Werk der Einigkeit, das wahrhaft menschliche und befreiende Werk. Der Antisemitismus ist in allen Ländern, wo er eine wirkliche Bedeutung hat, stets nur die Waffe einer politischen Partei oder das Resultat einer ernsten wirthschaftlichen Lage gewesen. Doch in Frankreich, wo die Juden keineswegs, wie man uns einreden will, die absoluten Herren der Macht und des Geldes sind, ist der Antisemitismus etwas in der Lutz Schwebendes, das keine Wurzeln im Volke hat. Es bedurfte, um eine scheinbare Bewegung zu schaffen, die im Grunde nur Lärm ist, der Leidenschaft einiger Hitzköpfe, in denen noch eine schiefe Auffassung des Katholizismus lebt, und die mit einem Mißbrauch der Literatur sogar die Rothschild's als die Abkömmlinge des Judas verfolgen, der ihren Gott den Feinden überliefert und gekreuzigt hat. Und ich setze hinzu, daß das Verlangen, Aussehen zu erregen Wutb. sich gedruckt zu sehen und in weitem Kreise bekannt zu werden, zu diesem Brande und zu dieser öffentlichen Unterhaltung von Scheiter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.