Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1896)
- Article
- Zola über den Antisemitismus
- Date
- 1896-06-01
- Page
- 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 Im deutschen Reich. Doch wahrhaftig, dieser Grund der Feindseligkeit einer Rasse der andern gegenüber ist nicht genügend. Kehren wir also in die Wälder zurück, beginnen wir auf's Neue den wilden Krieg der einzelnen Geschlechter gegen einander, vernichten wir uns, wenn wir nicht denselben Tonfall und dieselbe Haarfarbe haben! Die Bestrebungen der Civilisation wurzeln ja gerade darin, dieses Verlangen auszurotten, sich auf seinen Nebcnmenschen zu stürzen, weil er uns nicht ganz ähnlich sieht. Im Lause der Jahrhunderte bildet die Geschichte der Völker nur eine Lehre gegenseitiger Toleranz, so daß der Endtraum darin bestehen wird, sie alle zur Brüderlichkeit zurückzuführen, alle in gemeinsamer Zärtlichkeit so zu sagen zu ertränken und sie alle so viel wie möglich vor dem gemeinsamen Schmerze zu bewahren. Und doch beginnt der Haß und die Verfolgung, weil man nicht genau denselben Schädelbau hat, sich zur ungeheuerlichsten aller Thorheiten auszuwachsen. Ich komnie jetzt zur ernsthaften Seite der Sache, die hauptsächlich sozialer Natur ist, und resümire die Anklagepunkte dieses Prozesses. Die Juden werden angeklagt, ein Volk im Volke zu bilden, und ein für sich abgeschlossenes Religionsleben zu führen; sie wären demnach eine Art internationale Sekte ohne wirkliches Vaterland, die an dem Tage, da der Triumph ihr winkt, wohl im Stande wäre, sich der ganzen Welt zu bemächtigen. Die Juden verheirathen sich unter einander, bewahren trotz aller modernen Freiheit ein sehr enges Familienband, unterstützen und ermuthigen sich gegenseitig, und zeigen trotz ihrer isolirten Stellung eine außerordentliche Kraft des Widerstandes. Doch vor Allem sind sie klug und pfiffig, sie tragen in ihrem Blut ein Verlangen nach Gewinn, eine Liebe zum Geld, einen wunderbaren Geschäftsgeist, der ihnen in weniger als hundert Jahren ungeheuere Reichthümer verschafft hat, die ihnen in einer Zeit, da das Geld die Königsrolle spielt, die Herrschaft sichert. Das Alles mag wahr sein. Aber wenn man die Thatsache seststellt, muß man sie auch erklären. Man muß hinzusügen, daß die Juden, wie sie heut existiren, unser Werk sind, das Werk einer dummen, achtzehn Jahrhunderte langen Verfolgung. Man hat sie in enge Viertel eingepfercht, wie Aussätzige, und es ist kein Wunder, daß sie für sich gelebt, all' ihre Traditionen bewahrt, die Familienbande noch inniger geschloffen und aus Besiegten zu