Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 285 (sequence 1)
- Language
- German
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Nerrmsrrachrichlerr. Trotz der vorgerückten Jahreszeit war die am 12. Mai d. I. in Dräsel's Festsälen, Berlin 6., Neue Friedrichstr. 35, abgehaltene ordentliche Versammlung von etwa 300 Mitgliedern und Gästen besucht. Nach einer kurzen Begrüßung der Erschienenen durch den Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz, erhielt Herr Rabbiner Dr. Ludwig Rosenthal aus Pr.-Stargard das Wort zu seinem Vorträge über „Jehuda Halevi und Walther von der Vogelweide". Der Redner suchte die von ihm in einem früheren Vortrage über „Deutsche und Juden" aufgestellte Behauptung, daß keine wesentlichen Charakter-Verschiedenheiten, sondern vielmehr merkwürdige Aehnlichkeiten zwischen Deutschen und Juden vorhanden seien, an zwei hervorragenden Dichtergestalten nachzuweisen, welche beide als bedeutende Spiegelbilder der Gesammtheiten gelten, aus denen sie hervorgegangen sind. An zahlreichen Proben aus den Schöpfungen Jehuda Halevi'sundWalther's von derVogelweide wies der Vortragende nach, daß diese Dichter fast dieselben Stoffe behandelten (das Lob der Freude, des Weins, der Liebe, der Freundschaft, der Wohlthätigkeit u. s. w.), daß sie beide Täuschungen in der Freundschaft und den Mißmuth über nicht gehaltene Versprechen in gleicher Weise überwanden, daß sie ihre Stellung zur Gottheit und Menschheit ähnlich auffaßten, beide sich nach dem heiligen Lande sehnten und auch nach Jerusalem wallsahrteten, wo Jehuda Halevi seine Tage beschloß. Am Schluffe des mit lebhaftem Beifall belohnten Vortrages betonte der Redner den Werth solcher Nebeneinanderstellungen in einer Zeit, in welcher die Judengegner sich mit Vorliebe in ein wiffenschaftliches Gewand hüllen, um künstlich eine Kluft zwischen Deutschthum und Judenthum zu schaffen. In dem jetzigen Geisteskampfe sei es solchem Bestreben gegenüber dringend geboten, Täuschungen dieser Art zu verhindern und überall, wo Gegensätze bestehen, dieselben beseitigen zu helfen. Der Vorsitzende dankte dem Vortragenden für seine mit reichem Beifall aufgenommenen Ausführungen und ging dann, da sich an den Vortrag eine Diskussion nicht knüpfte, zu einigen geschäftlichen Mittheilungen über. Er berichtete zunächst über das erfreuliche Wachsthum des Eentral-Vereins, welcher jetzt 50 korporativ beigetretene Gemeinden und über 5900 Einzelmitglieder umfaßt, und damit eine Vereinigung von fast 3000O deutschen Juden darstellt. In erfreu-