Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 271 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 271 einen „Racheakt für die Verabschiedung des Hofpredigers Stöcker". Man habe von „Byzantinismus und Judengeld" gesprochen, die Fabel verbreitet, daß der Hof verschuldet und Juden verpflichtet sei und daß dies Einfluß sogar auf Bestätigung oder Nichtbestätigung von Börsengesetzen habe. Er sagt wörtlich: „Wohin ein solches Treiben geführt hat, das beweist ein Artikel eines Blattes, welches Christenthum und Monarchie als Aushängeschild gewählt hat und in einem gemein und verächtlich gehaltenen, gegen den kaiserlichen Hof gerichteten Aufsatz erzählt, daß jetzt sogar schon die Frauen der großen Geldjuden Berlins zu einem evangelischen Missionskränzchen hätten zusammentreten müssen, und daß die Kaiserin mit ihren Damen sich an dem Kränzchen betheilige. Das ist das erste Mal — was selbst die gehässigsten sozialdemokratischen Blätter noch nicht gewagt haben, daß man unsere theure, hohe Protektorin derartig behandelt. Um aber diese freche, boshafte Verlogenheit glaubhaft erscheinen zu lasten, waren in den Bericht überall bekannte Namen hineingebracht. Das sind die Folgen jener ungerechten, von einer kirchlichen Presse ausgegangenen Angriffe und Verdächtigungen, an welchen sich eine Zeit lang sogar Blätter wie die „Kreuzztg." betheiligten. Zur Ehre fast der gesammten übrigen Presse Berlins sei es gesagt, daß sich dieselbe stets objektiv und wohlwollend verhalten und uns häufig unterstützt hat." Wenn der Widerwille gegen Selbstüberhebung und Unduldsamkeit in allen maßgebenden Kreisen erst vorherrschend sein wird, dann dürfte die jetzt als Ereigniß betrachtete Ablehnung des „Assessoren-Paragraphen" ihre Bedeutung verlieren. Bekanntlich wurde dieser Paragraph vom Regierungstisch aus als „ein Warnungszeichen für Unberufene" bezeichnet, die ihre Hand nach dem Richteramte ausstrecken. Wohin sich die Spitze jenes Paragraphen richtete, war bei der jetzigen Strömung unverkennbar. Wenn diese andauerte, dann hätte dieser Paragraph etwas, was leider im Verwaltungswege jetzt ohnehin oft genug geschieht, gesetzlich sanktionirt und für spätere Zeiten zur Norm gemacht, nicht nur zum Nachtheil für die Juden, sondern für alle ähnlich ungünstig beurtheilten Aspiranten. Es liegt jedenfalls eine sehr ernste Gefahr darin, daß der Antisemitismus, der in den breiten Bevölkerungsschichten Deutschlands glücklicher Weise keine rechte Wurzel schlagen konnte, in verfeinerter Form in Regionen gedrungen ist, in welchen er früher nur ganz vereinzelt Boden fand. Dazu trägt entschieden der Bund der Landwirt he bei, welcher sich darauf kaprizirt, in den Juden Gegner der Landwirthschast zu erblicken, während die jüdische Jugend die Bedeutung des Grundbesitzes sehr wohl zu schätzen weiß und