Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1896)
- Article
- Aus lichteren Tagen
- Date
- 1896-05-01
- Page
- 266 (sequence 5)
- Language
- German
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266 Zm deutschen Reich. Welche Freude wäre mir bereitet, wenn ich in Alexandrien einen Brief von Ihnen vorfände. Er erreicht mich, wenn Sie nach Empfang dieser Zeilen gütig nicht zögem zu schreiben. Es ist ein merkwürdiges neues Leben, das mich umdrängt, und alle Reisebeschreibung ist anders, als das Leben selbst. Ich hätte nur Eines gewünscht, meine Seele wäre noch grün; ich fürchte etwas zu spät hierher gekommen zu sein; doch soll das Erlebnis noch manchen Trieb, manche Knospe treiben. Wie leben Sie selbst? Ist der Pfaffe**) schon druckbereit? Besuchen Sie ein Bad? Oder ist Ihre Gesundheit deflen nicht bedürftig? Was ich herzlich wünsche. Sehen Sie die Freunde Leitner, Tschabuschnigg?***) Bitte sie zu grüßen und nehmen Sie selbst diese flüchtigen Zeilen als ein kleines Zeichen meiner Erinnemng, meiner steten Verehrung für Sie. Erhalten Sie mir Ihr gütiges Wohlwollen und die mir so theure Theilnahme. Frankl. Meine hier zu lösende Aufgabe ist, trotz großen mir sehr bittern Widerstandes, ich hoffe, glücklich erfüllt. Die Einweihung der Anstalt findet Anfangs Juli statt." Um die Tonart, die Frankl hier anschlägt, recht zu würdigen, muß man sich in seine Lage versetzen. Aus reinster Liebe zu seinen Glaubensgenoffen hatte er die Mission der Begründung jener Humanitären Anstalt in der heiligen Stadt unternommen, und traf hierbei auf die größten, verbitterndsten Schwierigkeiten von Seiten Jener, für die er sich mühte. Die starrgläubigen Chassidim wollten von der Anstalt nichts wissen, weil Frankl darauf bestand, daß neben dem Hebräischen auch eine westliche Sprache dort gelehrt werde. „Ich bin und bleibe", pflegte er nach seiner Rückkehr aus Jerusalem zu sagen, „von ganzem Herzen meinem Glauben nach ein Jude, aber daß ich es der Nationalität nach nicht mehr bin, habe ich niemals so klar empfunden, wie in Jerusalem." (Fortsetzung folgt). **) Grün'ö Epos „Pfaff vom Kahlenbergs", an dem er eben arbeitete. ***) Die Dichter Karl Gottfried Ritter oon Leitner und Adolph Ritter von Tschabuschnigg. Beide lebten damals in Äraz.