Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 4 (April 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-04-01
- Page
- 214 (sequence 1)
- Language
- German
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214 Umschau. lieber die „Zwecklosigkeit der antisemitischen Bewegung" hat sich, nach einer Mittheilung der Wiener „Neuen Freien Presse", Fürst Bismarck dem Afrika-Reisenden Eugen -Wolf gegenüber rückhaltslos geäußert. Danach soll der Altreichskanzler, welcher ebenso wie Graf Moltke wegen einiger vor langen Jahren gethanen, später aber vollständig widerrufenen Auslassungen von den Judengegnern fortwährend mit Unrecht als antisemitische Autorität citirt wird, zu Eugen Wolf gesagt haben: Mit sizilianischer Vesper und Bartholomäusnacht könne man heutzutage nicht mehr vorgehen. Die Austreibung der Juden sei ebenso unmöglich; sie würde den Nationalwohlstand gefährden und wenn man die jüdischen Elemente aus den amtlichen und gelehrten Berufen entferne, so würde die dort frei werdende jüdische Intelligenz das Uebergewicht, das die Juden in Bezug auf Erwerbstüchtigkeit und Geschäftssinn den Christen gegenüber besäßen, noch erhöhen. Außerdem besäßen die Juden auch mancherlei Vorzüge, die nicht zu bestreiten seien, so wenig wie ihre Schattenseiten; sie brächten in die Mischung, welche die verschiedenen Stämme Deutschlands darstellten, ein gewisses Mousseux, das diesem zum Vortheil gereiche. Wenn er noch Minister wäre, so würde er in Bezug auf die Judenfrage den Grundsatz empfehlen: „La recherche de la confession est interdite.“ Verschiedene antisemitische Blätter, z. B. das Organ des Abg. Zimmermann, die „Deutsche Wacht", u. A. nt., haben sich beeilt, zu versichern, daß Fürst Bismarck derartige Ausführungen nie gemacht habe, die nur der Phantasie des betreffenden Journalisten entstammen könnten. Wohlweislich verschweigen diese Blätter die ihnen bekannte Thatsache, daß derselbe Bismarck, den sie wegen einer im Jahre 1847 im vereinigten Landtage gehaltenen judenfeindlichen Rede als ihren Gesinnungsgenossen reklamiren, in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 30. Januar 1872 erklärt hat: „Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an welchen jede Konfession ihren verhältnißmäßigen Antheil hat, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte auszeichnet."