Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Hermann L. Strack, Professor der Theologie an der Universität Berlin: "Einleitung in den Talmud" [Rezension]
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 185 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316611-2316615-2318342--00974-2318447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vücherschau. 185 knüpft ist. Es giebt wohl kein zweites Werk in -er Weltliteratur, welches so wenig gekannt und so viel verkannt wird; Leute, die keine Zeile in dem Talmud lesen können, sprechen und schreiben in frivolster Weise über dieses Riesenwerk, an dem von hervorragenden Geistern Jahrhunderte hindurch gearbeitet worden ist. Jüdische Gelehrte, die den Talmud gründlick kennen und ihn daher mit dem ihm gebührenden Respekt behandeln, werden von den Judenfeinden als nicht vollgültig anerkannt, weil man in ihnen^ fälschlicher Weise Parteilichkeit argwöhnt. Es ist daher in unserer Zeit mit Freude und Dankbarkeit zu begrüßen, wenn christliche Gelehrte von unantastbarem, wissenschaftlichen und sittlichen Rufe den Talmud zum Gegenstände ihrer Forschung machen und die Resultate ihrer Studien veröffentlichen. Eine objektive Prüfung muß zugeben, daß die Anschuldigungen gegen den Talmud auf Unwissenheit oder Unwahrheit beruhen. Besonders sind es drei christliche Kenner der rabbinischen Literatur, Delitzsch, Strack und Wünsche, die sich um die richtige Würdigung derselben verdient gemacht haben, alle drei strenggläubige evangelische Christen, die ersten Beiden Professoren der Theologie. Vor uns liegt die zweite Auflage der „Einleitung in den Talmud" von Professor Hermann L. Strack, ein Buch, das in seinen 135 Seiten jedem eine Fülle von Belehrung bringen kann, der belehrt sein will. In acht Kapitel vertheilt der Verfasser den schwierigen, oft spröden und weitschichtigen Stoff. Man muß den Talmud kennen, um zu wissen, wie schwer es ist, eine Einleitung in denselben zu schreiben und in den zuweilen labyrinthartigen Gängen desselben dem die Wahrheit Erforschenden den Ariadnefaden darzureichen. Um so höher ist es anzuerkennen, daß dem Verfasser der Versuch gelungen ist, „objektiv und wissenschaftlich über Das Ganze des Talmuds zu belehren und in das Studium dieses durch Entstehung, Umfang, Inhalt und zuerkannte Autorität gleich merkwürdigen Literaturprodukts einzuführen." Professor Strack hat das in seinem Vorwort zur 1. Auflage gegebene Versprechen erfüllt, sich weder „vom polemischen noch vom apologetischen Interesse beeinflussen lassen, sondern ausschließlich der Wahrheit gedient." Besonders lehrreich zur Charakteristik des Talmuds ist das Kapitel 7, in welchem in kurzen, aber inhaltsreichen Sätzen all' das angeführt wird, was zu einer gerechten Beurtheilung des Talmuds erforderlich ist. Der Talmud wollte und konnte kein Gesetzbuch in d e m Sinne sein, daß jedes Wort Gesetzeskraft beansprucht. Der Stempel der Diskussion ist das Gepräge des Talmuds; erst die Untersuchung und die Forschung muß ergeben, was zur Halakha, d. h. zur gesetzlichen Norm, geworden ist. Nur diese will einen Anspruch aus gesetzliche Kraft erheben. Mit großem Fleiße ist im Kapitel 8 die auf unser Gebiet sich beziehende Literatur gesammelt.